Draußen vor der Tür, 1 Cassette


Draußen vor der Tür, 1 Cassette
von Wolfgang Borchert
Hörkassette
Januar 1995
Verlag: Der HÖR Verlag DHV



Kommentare und Bewertungen:
Ein wichtiges Stück Literatur...
"Draußen vor der Tür" ist schlichtweg einzigartig. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Einerseits ist das Stück wohl das wichtigste Beispiel für Trümmerliteratur überhaupt, zum anderen beeindruckt es enorm durch die Unerbitterlichkeit, mit der Borchert die Anklage gegen eine Gesellschaft führt, welche die Leiden des Heimkehrers Beckmann (Borcherts Antiheld) einfach nicht wahrnimmt, in der die Menschen unfähig zur Auseinandersetzung mit den im Krieg geschehenen Greueltaten sind. Vorweg: Borchert geht es nicht um Kritik am Nazi-Regime und an dessen Ideologie, dieses Thema wird nur kurz angeschnitten (und fehlt in einer früheren Fassung ganz), Borchert prangert die Anpassungsbereitschaft der Vätergeneration an, welche, kaum ist der Krieg beendet, versucht, weiterzuleben als sei nichts gewesen, während Beckmann, getrieben von Schreckensvisionen, stets kurz vor dem Selbstmord steht. Und so zieht dieser, ausgestattet mit einer alten Gasmaskenbrille und kurzen Stoppelhaaren, für seine Umwelt mehr Witzfigur als ernsthafter Gesprächspartner, von Station zu Station, trifft auf die verschiedensten Personen, vom Oberst (der kein schlechtes Gewissen hat für seine Taten während des Krieges, ganz im Gegensatz zu Beckmann) bis hin zum Kabarettdirektor ("Mit der Wahrheit kommen sie nicht weit!"). Und immer wieder wird er in seiner negativen Auffassung vom Leben bestätigt, immer wieder steht er "draußen vor der Tür".
Die vielen expressionistischen Züge, die das Stück in erster Linie in sprachlicher Hinsicht aufweist, machten es schon bei der Uraufführung 1947 in Hamburg vielen Kritikern schwer, zu einem positiven Urteil zu kommen, Friedrich Luft hielt das Stück für "ein neurotisches Lamento bis zum vagen Ende.", an anderer Stelle war zu lesen: "Nun gut, Borchert war ein Anfänger [...] - aber hat er uns wenigstens [...] etwas zu sagen? Nein." Trotzdem ist das Stück bis heute sehr erfolgreich beim Publikum, ist doch die Figur Beckmanns unglaublich faszinierend, sind die Fragen, die Borchert aufwirft, bis heute ungeklärt, da die Aufarbeitung der dunkelsten Epoche Deutschlands noch längst nicht abgeschlossen ist. 1947, so meine persönliche Meinung, war die Zeit einfach noch nicht reif für ein Stück wie "Draußen vor der Tür", so daß es kaum verwundert, daß das Drama in seiner Art fast alleine dasteht und verissen wurde. Gerade zu Borcherts Zeit bestimmten die Klassiker die Spielpläne...
Und, trotz der negativen Kritiken: Auch und gerade in künstlerischer Hinsicht ist "Draußen vor der Tür" ein Meisterwerk. Die Sprache und der Stil sind unglaublich eindringlich, die Wortwahl trifft die Situation immer genau, die Figuren sind unglaublich plastisch gezeichnet, der Aufbau (von Tür zu Tür) ist bestens geeignet, um das Aufeinanderprallen Beckmanns mit einer ihm fremden Welt zu zeigen - und das Ende ist keineswegs vage, sondern macht Sinn.
Eine Anmerkung noch: Die Tatsache, daß das Stück ursprünglich als Hörspiel für den NWDR erarbeitet (und auch gesendet) wurde, macht sich gelegentlich bemerkbar, wenn Borchert z.B. mit dem Geräusch (!) zuschlagender Türen arbeitet, für die Umsetzung auf die Bühne stellt das aber keine Schwierigkeit dar...


Gelungene Anklage
Wolfgang Borchert hat in seinem bekanntesten Werk hier alles gesagt, was gesagt werden muß, wenn es um Krieg geht.

Nicht Clausewitz mehr hat die Oberhand ( man verzeihe mir den nicht ganz passenden Vergleich! ), sondern er.

So ist sein Werk "Draußen vor der Tür" nicht nur mit Vehemenz geschrieben, es enthält auch versteckt soviele kleine Pointen, daß es zu einem Genuß wird, dieses Stück samt Vorspiel immer wieder zu lesen bzw. sich anzuschauen.
Ja, diese Typen gab und gibt es immer noch. Vorsicht !!!

Natürlich berühren auch ebenso die Kurzgeschichten. Sie enthalten den eigenwilligen Borchert-Ton und rühren mich auch heute noch an.
Wer will d a s schon von sich behaupten von den heutigen Dichtern?

Dieses Büchlein ist deshalb Anlass genug, sein ganzes Werk zu lesen.


Seine persönliche Apokalypse
Wolfgang Borchert kehrte selbst gezeichnet und gesundheitlich gebranntmarkt aus dem 2. Weltkrieg zurück. Den Glauben an die Gesellschaft und die Gerechtigkeit verloren macht er sich sofort an die Arbeit seine Impressionen und Gefühle niederzuschreiben. Viel Zeit bleibt ihm nicht, denn seine irreversible Krankheit kündet den Tod.
Es entsteht ein Aufschrei. Ein Schrei nach Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Integration in einer Nachkriegsgesellschaft, die den Krieg offenbar in kürzester Zeit verdrängt gar vergessen hat.
Beckmann, ein Soldat, der am Ende des Krieges nach Hause zurückkehrt, muss feststellen, dass seine Frau ihn betrügt, ihn wohl vergessen oder abgeschrieben hat. Von dieser Tatsache und dem ewigen Hunger gemartert präferiert er den Freitod.
Bevor er jedoch stirbt wird ihm nocheinmal die Möglichkeit geboten sich in die Gesellschaft zu integrieren, sich davon zu überzeugen, dass die Menschen nicht so schlecht sind wie er denkt und das letztendlich doch die Liebe über allen Dingen steht.
Beckmann muss allerdings feststellen, dass keine Liebe, keine Reue und kein Mitgefühl in dieser Gesellschaft existieren.
Jeder ist sich selbst der Nächste.
Mit dieser Perspektive und einer Schuld, die er während des Krieges auf sich geladen hat, die er sich selbst und den Verantwortlichen -die sich keiner Schuld bewusst sind- nicht verzeihen kann, bleibt ihm nur der selbst gewählte Ausweg ... .
Wolfgang Borchert ist ein einducksvolles Drama gelungen, dass die damalige Gesellschaft in all seinem Egoismus und seiner Infernalität anklagt und sogar verurteilt.
Sein etwas eigensinnige Diktion sprengt zwar den konventionellen Stil eines Dramas, was mit unter zu grosser Kritik unter den Fachleuten geführt hat, führt aber keineswegs zu einem substanziellen Verlust des Werkes. Im Gegenteil, es untermauert auf nie dagewesene Weise die Tragik dieser Thematik.


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