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 Weltmacht USA , Ein Nachruf, 5 Audio-CDs
von Emmanuel Todd und Helmut Winkelmann
CD
Juni 2003
Verlag: Steinbach Sprechende Bücher

Kommentare und Bewertungen: Prügel für die USA
    
Der französische Gelehrte Emmanuel Todd hat bereits 1976 in seinem Buch "La chute finale" (dt. "Vor dem Sturz - Das Ende der Sowjetherrschaft") den Zusammenbruch der Sowjetunion vorhergesagt. Basis für seine Annahme bildete u.a. die Betrachtung der Entwicklung demographischer Entwicklung (z.B. zunehmende Säuglingssterblichkeit) und anthropologischer Eigenart (z.B. egalitäre Grundhaltung der slawischen Familien). Die Erforschung von Familienstrukturen und deren Implikationen für das Verhalten gesellschaftlicher Gruppen ist ein Spezialgebiet Todds, der am Nationalen Institut für Demographische Studien in Frankreich arbeitet.Wie seinerzeit die Sowjetunion unterzieht er in "Weltmacht USA - Ein Nachruf" nun die gegenwärtigen Vereinigten Staaten von Amerika einer intensiven und schonungslosen Analyse, wobei er neben Demographie und Anthropologie auch Wirtschaftsdaten, politisches Geschehen sowie psychologische und kulturtypische Elemente als Untersuchungskriterien mit einbezieht. Das Buch umfaßt etwa 250 Seiten, und seine Lesbarkeit wird dank der schnell nachvollziehbaren Gedanken und stets klaren Sprache des Autors weiter erleichtert. Die Übersetzung ins Deutsche ist hervorragend gelungen, man kann den Übersetzern nur hohes Lob zollen. Amüsant ein kleiner Setzfehler - der Ostblock wurde zum "Obstblock" umgetauft. Die Grundthese dieser Studie ist, daß die USA dabei sind, ihren Status als "letzte verbliebene Supermacht" zu verlieren, weil sie die dafür erforderlichen militärischen, wirtschaftlichen und ideologischen Qualitäten nicht mehr aufbringen können. Die zunehmende Unberechenbarkeit und Aggressivität der Vereinigten Staaten wird als Zeichen ihrer zunehmenden Schwäche und als Frustreaktion auf ihre faktische wirtschaftliche Abhängigkeit von den sich beständig emanzipierenden Großmächten Europa und Japan gedeutet. Die gegenwärtigen USA werden als "räuberischer Staat" definiert, der selbst massive Industrie- und Außenhandelsdefizite aufweist, aber die Finanzen und Produkte aller anderen Staaten quasi wie ein Schwarzes Loch aufsaugt und seinen Reichtum im eigenen Land zu Lasten der Minderheiten und unteren Schichten ungerecht an eine superreiche antidemokratische Oberschicht umverteilt. Aufgrund eingehender Analyse verschiedenerlei Daten und Vergleiche mit historischen Weltreichen gelangt Todd zu der Überzeugung, daß sich die Vereinigten Staaten innerhalb der nächsten Jahrzehnte zu einer Regionalmacht zurückbilden werden, während die EU im Bunde mit einem wiedererstarkten, aber zur Gutmütigkeit bekehrten Rußland gemeinsam mit Japan künftig das Weltgeschehen bestimmen wird. Folgt man diesen Prognosen, sind Europa und die USA im Begriff, voneinander abzurücken, beschleunigt durch die militärischen Abenteuer der letzteren Macht im Nahen und Mittleren Osten. Als unmittelbare Folge stehe eine Intensivierung der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich an, dem sich vielleicht auch Großbritannien anschließen werde. Gleichzeitig würden sich immer mehr Staaten von den USA ab- und Europa zuwenden. Todd bietet einige konkrete Vorschläge, wie man dieser zwangsläufigen Entwicklung angemessen begegne: Er erwähnt die Errichtung einer protektionistischen europäischen Handelspolitik, mehr Rücksichtnahme auf nationale Eigenarten, die Neudefinition, Verlegung oder Neugründung internationaler Organisationen sowie die früher oder später notwendig erscheinende sicherheits- und energiepolitische Ausrichtung auf Rußland. Genau in solcherlei unbekümmerten Spekulationen liegt meines Erachtens eines der Probleme dieses Buches, denn es suggeriert - vielleicht unabsichtlich - daß die Welt einem permanenten Friedenszustand entgegenstrebt, der nach einigen mittelstarken Erschütterungen im Nahen Osten und anderen Weltgegenden und der "Befriedung" des neuen Sorgenkindes USA quasi automatisch eintreten wird. Die politische Sprengkraft des israelisch-arabischen Konflikts und die potentielle Bedrohung Europas durch die terroristischen Auswüchse des islamischen Fundamentalismus werden nicht als solche aufgeführt; das noch gefährlichere und bislang ungelöste Problem der Proliferation von Massenvernichtungswaffen wird erst gar nicht erwähnt. Ein anderer Schwachpunkt ist die nebelhafte Verwendung des Begriffs "Oligarchie", die die Demokratie frei nach Aristoteles teilweise oder ganz ablösen soll. Todd definiert die Oligarchie als Bildungselite, eine wohlhabende Führungsschicht, die ihm geradezu als Synonym für die Mißstände der heutigen USA und als Bedrohung der egalitären amerikanischen Gesellschaftsform dient, während er im Falle Europas die hiesigen oligarchischen Tendenzen anscheinend als keine grundlegende Gefahr erachtet. Ich habe Emmanuel Todd neulich in einem Fernsehinterview gesehen und war von seiner offensichtlichen hohen Auffassungsgabe und eigenständigen Denkweise beeindruckt. Daraufhin habe ich das Buch gekauft und gelesen. Selbst jüdischer Abstammung, weicht er der empfindlichen Problematik der Palästinafrage keineswegs aus, sondern zieht mit der israelischen Besatzungspolitik hart ins Gericht und wirft den USA Unterstützung dieser Ungerechtigkeit vor. Todds Grundhaltung ist durch und durch die eines Realisten und Optimisten. Allerdings läßt er keine Gelegenheit aus, um unaufhörlich über die erblickten Mißstände und Dekadenz der USA herzuziehen. Diese Einseitigkeit in der Wahrnehmung der USA wirft den Verdacht auf, daß er der Versuchung erliegt, auf der anderen Seite die positiven Zukunftsaussichten eines friedlichen und wohlständischen Europas überzubewerten. Zum Zwecke gesunder Ernüchterung empfiehlt es sich, der Frankophilie und dem Europaoptimismus Todds die Warnungen pessimistischer Realisten vom Schlage Peter Scholl-Latours gegenüberzustellen, der gleichwohl mit Todd viele Ansichten teilt. Emmanuel Todds Vorstellungen haben angeblich erheblichen Einfluß auf die Politik Jacques Chiracs ausgeübt. Das Buch ist also nicht nur blanke Theorie, sondern steht in einem direkten Zusammenhang mit der aktuellen politischen Willensbildung und damit unser aller Zukunft. Trotz seiner erwähnten Schwächen verdient dieses Buch fünf Sterne und sei jedem politisch interessierten Zeitgenossen ZUR LEKTÜRE EMPFOHLEN.
Der pyromanische Feuerwehrmann
   
Bei diesem Buch handelt es sich um ein Essay. Darum sind gewisse Verkürzungen und Vereinfachungen auch hinnehmbar; sie tragen auch zur guten Lesbarkeit bei. Gewisse Behauptungen und Schlussfolgerungen aber rufen nach einer genaueren Darlegung, wie z.B. dass die Ausprägung nationaler politischer Systeme oder deren Umgang mit anderen Völkern allein auf anthropologische Konstanten (die Stellung der Brüder in der Familie) zurückzuführen sei. Auch Todds ziemlich weitgehende Russophilie ist in dieser Form nur schwer zu akzeptieren, genauso wenig wie seine Überzeugung, liberale Demokratien hätten eine eindeutige Tendenz zur Friedfertigkeit (schön wär's). Trotzdem hat Todd uns eine wertvolle Lektüre hinterlassen. Die Verweise auf die Verwundbarkeit und Undurchschaubarkeit der US-amerikanischen Ökonomie und die mangelnde Effizienz ihrer Bodentruppen wiegen schwer. Verblüffend ist die eher psychologisch anmutende Erklärung, warum die USA Israel so bedingungslos unterstützen, obschon man hier hinzufügen muss, dass dies schon während des Kalten Krieges der Fall war, als die USA zu jenem Universalismus gezwungen waren, den sie nun so eilig verlassen haben, und der natürlich noch nie eine „Charaktereigenschaft" Israels gewesen ist. Vor allem muss man Todds These ernst nehmen, den Islamismus als das Phänomen einer Übergangskrise anzusehen, die auch die westliche Welt („Ferengi") durchgemacht hat, sodass man quasi dieser kulturellen Sphäre ein „Recht" auf diese Exzesse zugestehen muss, anstatt sie zu einer ontologischen Konstante zu erklären, die eine prinzipielle Bedrohung für den Okzident bedeutet. Von großer Wichtigkeit ist, dass er für die westliche Welt eine Tendenz zur Bildung einer Oligarchie konstatiert (was die USA schon sind), und dass die neoliberale Umgestaltung Europas Stellung nur mehr schwächt als stärkt! Es gäbe noch vieles positiv anzumerken (so die gelungenen rhetorischen Spitzen gegen die US-Aussenpolitik), einige (scheinbare) Simplifizierungen wären zu beanstanden usw usf. Schlussendlich ist dies ein Buch, dessen Logik ich nicht in jeder Hinsicht teilen kann, aber das entschieden dazu beigetragen hat, meinen Horizont zu erweitern.
Hochnäsig
 
Er trägt die Nase sehr hoch, dieser Autor, so hoch, daß er alles von sehr weit oben betrachtet und in sein Schema preßt. Todd hält die Weltgeschichte für berechenbar. Worte wie "zwangsläufig", "unabwendbar" findet man oft bei ihm. Personen und Ereignisse spielen für ihn keine Rolle. Er spricht immer kollektiv von "Amerika", "Rußland", "den Europäern", "den Arabern". So wie für Lenin Kommunismus gleichbedeutend war mit Sowjetmacht plus Elektrifizierung ist für Todd der Weg zur Demokratie gleichbedeutend mit Alfabetisierung plus Geburtenkontrolle. Beides nimmt zu, also wird es immer besser in der Welt. Terrorismus ist für ihn nur eine jener Unruhen, die die Modernisierung zwangsläufig mit sich bringt, so wie die englische und die französische Revolution, der Sowjetkommunismus und der Nationalsozialismus. Die Unterschiede, die zwischen diesen Erscheinungen bestehen, erklärt Todd mit "anthropologischen Grundtatsachen"; z.B. führt er den Nationalsozialismus darauf zurück, daß in Deutschland immer der älteste Sohn den Bauernhof geerbt habe (was gar nicht stimmt). Der Sowjetkommunismus entspreche der egalitären Grundhaltung des russischen Volkes, weswegen die Kollektivierung auf dem Land ganz selbstverständlich akzeptiert worden sei. (10 Millionen Hungertote fallen aus Todds Perspektive eben nicht ins Gewicht.) Sein höchstes und häufig wiederholtes Lob (das Werk wimmelt von Wiederholungen!) gilt der Demokratie in Putins Rußland und im Iran - wenn jemand diese Länder kritisiert, nennen er es "geißeln". Wie man es nennen soll, was er über die USA zu sagen hat (von denen nur ein Teil des Buches handelt)? Ich glaube, "Anti-Amerikanismus" wäre nicht falsch. Seine Kritik mag zum Teil berechtigt sein und seiner Grundthese, daß die derzeitige scheinbare Stärke der USA in Wirklichkeit Ausdruck ihrer Schwäche ist, kann man schon etwas abgewinnen, aber nicht, wenn sie so begründet wird. Ein Beispiel: eine "anthropologische Grundtatsache" welche die USA für Todd so bedrohlich macht, ist der radikale Feminismus, der seiner Meinung nach dort das sagen hat. Noch ein Schmankerl aus dem Hause Todd: er begrüßt die niedrige Geburtenrate in Deutschland, weil sie die Bevölkerungszahl Deutschlands der Frankreichs annähert und Deutschland damit angeblich zur "Normalität" zurückkehrt. Das erinnert doch fatal an ein Zitat, das man in der Zeit des 1. Weltkriegs einem französischen Politiker zugeschrieben hat, wonach es 20 Millionen Deutsche zu viel gebe... Die Hörbuchfassung hat einen erschwinglichen Preis. Der Sprecher liest betont und doch sachlich, nur scheint er mit manchen fremdsprachlichen Namen Mühe zu haben (Brzezinski).
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