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 Bay City Blues, 2 Audio-CDs
von Raymond Chandler und Christian Brückner
CD
März 2004
Verlag: Parlando Edition Christian Brückner

Beschreibung: Raymond Chandler schuf mit Philip Marlowe den Prototypen des amerikanischen Detektivs. In der 1938 erschienenen Erzählung Bay City Blues spielt der Protagonist Jonny Dalmas den Vorgänger dieses berühmten Seriendetektivs. Die spannende Story zwischen korrupten Gesetzesbrechern und -hütern, die aus der Ich-Perspektive des Detektivs erzählt wird, lebt hier nicht zuletzt von Christian Brückners Vortrag. Seine markante Stimme findet exakt die Tonlage, die man sich für diesen illusionslosen, aber anständigen und vor allem unbestechlichen Typen, vorstellt. Um diesen Auftrag hat sich Dalmas nicht gerissen, er wird ihm von einem befreundeten Polizisten zugeschanzt. In der Folge überschlagen sich die Ereignisse: Seinen Auftraggeber findet er tot. Das rothaarige Mädchen, das säuft und für einen arbeitet, der Morphium verkauft, wird ebenfalls ermordet. Den Mord will ein verletzter, bestechlicher Polizeichef Dalmas in die Schuhe schieben
Bemerkenswert sind die außergewöhnlich realistischen Beschreibungen, die vielen Details, die der Ich-Erzähler nüchtern und fast trocken präsentiert. Schonungslos wird die Gesellschaft in Hollywood -- Geld regiert die Welt -- aufgezeigt. Korruption der Polizei und eines Arztes, Prostitution und Mord sind die Themen, die in diesem Klassiker verarbeitet sind. Dass man in dieser kapitalistischen Gesellschaft über Leichen geht, dass der so genannte zivilisatorische Fortschritt mörderische Blüten treibt, ist die zentrale Aussage dieses Krimis. Insofern ist die Erzählung auch realistische Gesellschaftskritik und überschreitet das, was gemeinhin unter dem Genre Krimi verstanden wurde und manchmal noch immer wird. Raymond Chandler gilt als brillanter Kriminalautor. Der 1888 in Chicago geborene Schriftsteller stellte höchste Anforderungen an diese literarische Gattung. Im Kriminalroman sah er die besten Möglichkeiten, sein literarisches Credo, die realistische Beschreibung des Lebens und der Welt, zu verwirklichen. Bevor sich Chandler ab 1932 ganz dem Schreiben widmete, arbeitete er als Reporter in London, meldete sich 1917 bei der Kanadischen Armee und machte eine Ausbildung bei der Luftwaffe. Er war als Buchhalter in der Ölindustrie tätig, bis man ihn wegen Unregelmäßigkeiten feuerte. Zwischen 1939 und 1953 schrieb er seine großen Romane (u. a. The Big Sleep, The Lady In The Lake und The Long Goodbye). Daneben verfasste er Drehbücher beispielsweise zusammen mit Billy Wilder zu The Blue Dahlia. 1946 zog er sich aus Hollywood zurück. Der Tod seiner Frau, 1954, brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Zwischen 1955 und 1958 lebte Chandler abwechselnd in La Jolla, Kalifornien, und London. Alkoholkrankheit und physische wie auch psychische Zusammenbrüche gingen seinem Tod am 16. März 1959 voraus. Christian Brückner zählt zu den bekanntesten und renommiertesten Sprechern Deutschlands. Seine unverkennbare Stimme ist in Features im Fernsehen genauso präsent wie in literarischen Lesungen. Für die Rolle des illusionslosen, distanzierten, aber hintergründig doch Kritik übenden Detektivs scheint sie wie gemacht. Der lakonische Protagonist mit der typischen Detektivsprache wird mit Brückners Stimme lebendig und glaubhaft! Fazit: Brillante Lesung eines gesellschaftskritischen Hollywood-Krimis. Lesung, Spieldauer: ca. 178 Minuten, 2CD. Mit Booklet. --culture.text
Kommentare und Bewertungen: Tolles Ambiente - tolle Story - tolle Stimme
   
Raymond Chandler ist einer der großen der Kriminalliteratur. Er schrieb zu einer Zeit, in der eben diese Literaturgattung noch nicht als solche anerkannt wurde, so daß seine Werke vollkommen verkannt wurden. Er selbst zerbrach daran, doch seine Figuren, allen voran Philip Marlowe, überlebten ihn, wurden Vorbilder und Archetypen heutiger großer Autoren. Chandlers Romane sind dabei allerdings mehr als eine „nur" spannende Lektüre. Sie sind ein Stück Gesellschaftskritik. Man sollte nicht vergessen, zu welcher Zeit er schrieb, was wir heute noch darüber wissen. Seine Anhänger und Kritiker erwarteten von ihn immer einen Gesellschaftsroman, ohne begreifen zu können oder zu wollen, daß er eben genau dieses Genre mit seinen Krimis bediente. Chandlers Figuren mögen aus heutiger Sicht teils überzeichnet sein, seine Vorliebe für Spitznamen vielleicht überholt. Dennoch hat alles und jedes eine genaue Bedeutung. In diesem Sinne verstehe ich auch „Bay City Blues". Eine Gesellschaftskritik, verpackt in eine spannende Kriminalgeschichte, mit leicht überzeichneten Nebenfiguren, während der Protagonist, wie so oft ein Ich-Erzähler, fast vollkommen in den Hintergrund tritt, dennoch auf unterschwellige Weise den Leser, oder in diesem Fall Zuhörer, immer bewußt ist und ihm seine Meinung kundtut. Hörbücher haben einen sehr unterschiedlichen Ruf. Die einen lehnen sie kategorisch ab, die anderen lieben sie. Ich denke, es kommt auf den Erzähler, den Vorleser an. In diesem Fall, mit Bay City Blues, ist ein wahrer Geniestreich gelungen. Christian Brückner, bekannt aus Film und Fernsehen, der schon vielen amerikanischen Schauspielern seine Stimme lieh, erweckt Chandlers Buch zum Leben. Für mich wird Jonny Dalmas immer seine Stimme tragen, das kann ich nach dem Genuß dieses Hörbuches sagen. Was sollte ein Hörbuch ausmachen? Nun, für mich persönlich sollte die Stimme, der ich lausche, ruhig und gleichmäßig sein, mit der richtigen Betonung an den richtigen Stellen, vielleicht auch die eine oder andere Eigenart, die ein Autor in geschriebenen Worten nur schwer unterbringen kann, hervorheben. Mir graust es davor, wenn männliche Stimmen versuchen, weibliche nachzuahmen, und Brückner begeht diesen Fehler auch nur einmal, und das gekonnt. Er ist immer noch Dalmas, der vielleicht sein neuestes Abenteuer einem guten Freund (vielleicht Veilchen McGee?) erzählt. Seine Version eines Betrunkenen, das Lallen und die undeutliche Sprache, hat er meisterhaft imitiert, die Spannung an den richtigen Stellen hervorgerufen. Ich vergleiche Hörbücher gern mit meiner Kinderzeit, als meine Eltern oder meine Geschwister mir etwas vorgelesen haben, oder aber an meine eigene Vorlesezeit, während ich meine fast blinde Mutter pflegte. Und in diesem Sinne ist „Bay City Blues" wirklich hervorragend geeignet. Man entspannt sich, lauscht und genießt. Die Geschichte ist spannend genug, die Konzentration zu halten, Brückners Stimme unterstreicht sie noch. Alles in allem ein Genuß, ein wirklicher Ohrenschmauß eines Klassikers, der sicher nicht vergessen wird.
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