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 Baudolino, 5 Audio-CDs
von Umberto Eco, Leonhard Koppelmann, Jens Wawrczeck, Peter Fricke und Irina Wanka
CD
November 2002
Verlag: Dhv der Hörverlag

Kommentare und Bewertungen: Spannende Reise durch die Welten des Mittelalters
   
Umberto Ecos literarische Stärke ist bekannt: das perfekte Vermischen von Realität und Fiktion. So auch bei „Baudolino". Die Übergange zwischen historisch korrekter Mittelalterchronik und den fiktiven Abenteuern des Baudolino sind fließend. Vielleicht war es ja tatsächlich so, wie es der (frei?) erfunden Held es dem (realen!) byzantinischen Historiker Niketas schildert? Mit dem Wissen der seit den geschilderten Ereignissen vergangenen rund 850 Jahren kann diese Frage spätestens bei Baudolinos Reise zum Reich des Priesters Johannes mit Nein beantwortet werden: Monster und Mutationen, die es nicht gibt , hätte ein real existierender Baudolino nicht sehen können. Oder doch? Alles, was Baudolino/Eco an Wesen und Absurditäten auf dieser langen Suche auftauchen lässt, war für die Menschen des Mittelalters real. Genau diese Beschreibungen sind auch in vielen historischen Reiseberichten und auf etlichen historischen Karten zu finden. So gesehen: Alles historisch korrekt, fast schon ein Lehrbuch über die spirituelle Welt des Mittelalters. Die Vermutung liegt nahe: Wie schon beim „Namen der Rose" hat sich Eco von historischen Quellen zumindest inspirieren lassen. Nur an wenigen Stellen patzt Eco - oder der Übersetzer: Baudolino zieht Vergleiche zu Dingen, die ein mittelalterlicher Reisender nicht gekannt hat. Trotzdem: Eco zeigt anderen Mittelalter-/und Fantasie-Autoren wieder einmal, was Profis von Amateuren unterscheidet. Und er lädt seien Leser auf eine fast 600 Seiten lange, spannende Reise durch die Welt-Sicht des Mittelalters ein. Und das er dabei diesmal auf eine Apparat mit umfangreichen Anmerkungen, Erklärungen, Ergänzungen und Übersetzungen verzichtet hat, steigert nur das Lesevergnügen .
Ein Eulenspiegel im Kreuzritterkostüm
   
Das Umberto Eco ein begnadeter Erzähler ist, wissen wir spätestens seit dem "Namen der Rose" oder den unterhaltsamen Geschichtchen "Wie man mit einem Lachs verreist". Auch in seinem Roman "Baudolino" bringt uns der italienische Ausnahme-Professor die aus heutiger Sicht sehr skurille Welt um das Jahr 1000 sehr plastisch und bildreich nahe. Baudolino, ein schlitzohriger junger Italiener aus armen Verhältnissen mit einem Talent für fremde Sprachen wird von Kaiser Friedrich I. Barbarossa adoptiert. Als Günstling und freches Orakel lernt Baudolino das Leben bei Hofe kennen. Barbarossa lässt ihn von Gelehrten in die damals hohe Kunst des Lesens und Schreibens einweisen, er verliebt sich unsterblich in die Kaiserin, geht zum Studium nach Paris, lernt dort u. a. die Freuden des Lebens kennen und auch einige sehr unterschiedliche Freunde, mit denen er sich Jahre später aufmacht, das legendäre Reich des Priesters Johannes im Namen seines Stiefvaters zu finden. Diese spannende, sich über Jahrzehnte ziehende Geschichte erleben wir jedoch nicht zeitnah, sondern rückblickend, quasi als erzählte Autobiografie. Denn das Buch beginnt fast mit dem Ende der Geschichte Baudolinos. Dort, wo er den Gelehrten Kyrios Niketas beim großen Brand von Konstantinopel vor den mordenden Plünderern rettet und ihm im Laufe der kommenden Wochen sein abenteuerliches Leben erzählt. Dabei ist man als Leser hin- und hergerissen zwischen der fundamentalen Geschichtskenntnis eines Umberto Eco und der teilweise aberwitzigen Fabulierkunst seines Hauptdarstellers Baudolino. Was ist wahr? Was ist gelogen? Kann das wirklich so gewesen sein oder will uns hier jemand einen riesigen Bären aufbinden? Der Leser ist gleichzeitig fasziniert und verwirrt ob dieser temporeichen Zeitreise durch die Welt der Glaubenskriege und Kreuzritter. Mit Witz und einer großen Portion Sachkenntnis schickt uns Eco auf eine Reise, auf der wir fast die gesamte damals bekannte Welt - teilweise staunend, manchmal auch kopfschüttelnd kennenlernen. Oder ist am Ende alles nur das Hirngespinst eines trickreichen Erzählers? Es lohnt sich allemal, das selbst herauszufinden, obwohl zugegebenermaßen die ersten gut dreißig Seiten eine kleine Geduldsprobe darstellen. Wer sie jedoch übersteht, wird mit einer spannenden Geschichts-Geschichte belohnt.
Schwere Kost ¿ Ein Buch nicht für jedermann
   
Umberto Eco ist nicht dafür bekannt, daß seine Bücher zum Konsumieren einladen. Mit seinem Baudolino-Buch erreichte Eco den Höhepunkt seines Schaffens als Romanautor, der nicht von jedem gelesen und verstanden werden kann. Das zeigt er nun in eindrucksvoller Weise mit seinem Roman über Baudolino, einer Figur, die ohne weiteres als Personifikation des Erfindungsgeistes des Autors verstanden werden kann. Er feiert nicht nur seine Hauptfigur als genialen Hochstapler und historischen Manipulateur, sondern macht gleichzeitig klar, daß auch er, der Schriftsteller historischer Romane die Macht hat, Welten zu schaffen, die wahr sein könnten aber nicht müssen. Damit trifft er den wunden Punkt jedes Historikers. Denn absolute Wahrheit gibt es nicht. Baudolino durchkreuzt jeden Plan des Historikers, der versucht, die "wahren" Ereignisse zu rekonstruieren, um daraus Erkenntnisse zu gewinnen. Nun bewerte ich das Hörbuch sehr gut, weil dabei ein wirklich gelungenes Hörspiel herausgekommen ist. Während man dazu neigt, das Buch sofort in die nächste Ecke zu feuern, weil sich Latein, Italienisch und Deutsch die Klinke in die Hand geben und es dadurch schwer fällt, den berühmten "Roten Faden" nicht aus den Augen zu verlieren, kann das nicht von dem Hörspiel gesagt werden. Die Sprecher sind ganz wunderbar und verleihen den handelnden Personen Charakter und überzeugen auch mich, daß Umberto Eco doch ganz gute Gedanken entwickelt hat. Zu beachten hat aber jeder kritische Leser und Hörer, daß nicht alles für bare Münze genommen werden sollte. Das trifft für jeden historischen Roman zu. Aber das ist die geniale Idee, die hinter dem Roman von Eco steht. Geschichte ist Manipulation von Fakten. Insofern bin ich der Meinung, daß man als Leser oder Hörer nie den Anspruch aus den Augen verlieren sollte, daß ein Roman letztlich der Unterhaltung dient, in diesem Fall, das gebe ich durchaus zu, gelingt es vielleicht nicht jedem, Freude an dem Roman zu haben durch die schwere Verständlichkeit. Das Hörbuch bricht das jedoch auf und erreicht ein größeres Publikum.
Ein Lügner ist ein Lügner ist ein Lügner...
   
Umberto Eco, der Semiotikprofessor aus Bologna, ist in seinem vierten Roman wieder in jene Epoche zurückgekehrt, die ihm seit seinem Weltbestseller „Der Name der Rose" zur zweiten Heimat geworden ist: das Mittelalter. Diesmal befinden wir uns im 12. Jahrhundert und den Hintergrund der Handlung bilden die Auseinandersetzung Kaiser Friedrich Barbarossas mit den oberitalienischen Städten und der von ihm angeführte dritte Kreuzzug, die Orte der Handlung umfassen Oberitalien ebenso wie Freising, Paris, Rom, Byzanz und die fernen, unbekannten Länder des Ostens. Eco selbst hat „Baudolino" als Schelmenroman bezeichnet, und tatsächlich handelt es sich bei der Titelfigur, die nicht umsonst einige Züge des Autors trägt, um einen schlauen, durchtriebenen Lügner, den die Lust am Fabulieren oft unfreiwillig dazu verführt, den Lauf der Geschichte entscheidend zu beeinflussen. Seine erste Lügengeschichte verhilft dem Bauernsohn aus Alessandria (der Geburtsstadt Ecos) dazu, von Kaiser Friedrich I. Barbarossa adoptiert zu werden, und von da an gelingt ihm in nahezu jedem Kapitel ein weiterer Geniestreich. Der bauernschlaue Baudolino („Es macht mir Vergnügen, Dinge geschehen zu lassen und der einzige zu sein, der weiß, dass sie mein Werk sind!") ist bei jedem historischen Großereignis dabei und drückt ihm gnadenlos seinen durchtriebenen Stempel auf. Nahezu endlos wäre eine Liste der auf Baudolino zurückgehenden Wunder des Mittelalters, nur soviel sei verraten: unserem Schulwissen über diese Epoche wird mehr als einmal zugesetzt, wenn uns Baudolino seine „Wahrheit" über die Kölner Reliquien der Heiligen Drei Könige, über die Heiligsprechung Karls des Großen, über den berühmten Archipoeten am Hofe Barbarossas und über den (von Historikern übereinstimmend als Fälschung bezeichneten) Brief des Presbyters Johannes erzählt, dessen sagenumwobenes Reich jenseits der bekannten Weltregionen Baudolino und seine Gefolgschaft zu finden versuchen. Die zwei Glanzstücke dieses Panoptikums sind aber Baudolinos Version des Heiligen Grals und - es wäre kein Eco - ein mysteriöser Mordfall. Dass es sich bei dem Opfer um niemand geringeren als Barbarossa selbst handelt, von dem wir bisher annahmen, er sei auf dem Kreuzzug beim Baden im Fluss Saleph ertrunken, setzt der Geschichte nur noch die Kaiserkrone auf. Doch die Mordgeschichte bleibt diesmal sehr im Hintergrund und der blinde Weise Paphnutios, der sie letztlich auflöst, tritt gerade auf den letzten zwanzig Seiten in Erscheinung. „Baudolino" ist vielmehr ganz in der Tradition der Schelmenromane dem puren Erzählen und der Lust am ausufernden Fabulieren verhaftet. Das ist zwar über weite Strecken des immerhin 600 Seiten umfassenden Werkes überaus unterhaltsam, doch hinterlassen die sehr detaillierten und adjektivstrotzenden Beschreibungen ferner Länder, unbekannter Fabelwesen, menschlicher und menschenähnlicher Völker und philosophischer Auseinandersetzungen über die Form der Erde (Tabernakel, Scheibe oder gar Kugel?) oft ein unbestimmtes Gefühl der Substanzlosigkeit. Doch gelingt es Eco, diesen Passagen immer wieder solche entgegenzusetzen, die den Leser durch ihren feinsinnigen Humor in ihren Bann ziehen oder die Charaktere endlich aus der durch die Erzählweise bedingten Distanz holen und den Leser mit ihnen fühlen lassen, etwa die drei unglücklichen Liebesgeschichten Baudolinos, die ihn in den seltenen Momenten absoluter Aufrichtigkeit das größte Unglück erfahren lassen oder der Tod von Baudolinos Vätern Gagliaudo und Friedrich Barbarossa. Am Ende zweifelt Niketas Choniates, Geschichtsschreiber und Kanzler des Basileus von Byzanz, dem sein Lebensretter Baudolino die ganze wüste Geschichte erzählt („Ich glaube, wer Geschichten erzählt, muss immer jemanden haben, dem er sie erzählt, nur dann kann er sie auch sich selbst erzählen."), so sehr an der Glaubwürdigkeit des Baudolino, dass er seine Geschichte nicht niederschreibt. Nur Eco lässt sich vom weisen Paphnutios als noch weniger vertrauenswürdig entlarven, wenn dieser sagt: „Früher oder später wird diese Geschichte jemand erzählen, der noch verlogener ist als Baudolino!". Mit diesem eleganten kleinen Kunstgriff hat es Eco wieder einmal geschafft, uns - wie in seinen vorangegangenen Romanen - bezüglich der Vertauenswürdigkeit seiner Quellen vollständig im Dunkel zu lassen. Doch wie Baudolino selbst sagt: „Ja, ich weiß, es ist nicht die Wahrheit, aber in einer großen Geschichte kann man kleine Wahrheiten ändern, damit die größere Wahrheit hervortritt." Allein dieser Kunstgriff, der die Entlarvung von „Baudolino" als die Geschichte eines Lügners über einen Lügner wieder relativiert, macht diesen Roman, der über die Massenware des boomenden Literaturzweigs der historischen Romane turmhoch hinausragt, ausgesprochen lesenswert.
Eco goes Fantasy
 
Seit "Der Name der Rose" gehört Umberto Eco zu meinen Lieblingsautoren. Und das betrifft nicht nur die Romane, sondern auch seine Essaybände. Baudolino, sein jüngster Roman, bleibt allerdings in vielerlei Hinsicht unbefriedigend. Das liegt nicht zuletzt an den beiden grundverschiedenen Teilen, aus denen sich das Buch zusammensetzt: Die erste Hälfte handelt von Baudolinos Begegnung mit Kaiser Friedrich Barbarossa und seinem Aufstieg zum Freund und engen Berater des Kaisers. Dieser Teil liest sich amüsant und präsentiert die Geschichte des Mittelalters aus einem ungewöhnlichen, sehr ironischen Blickwinkel. Insbesondere die Pasagen, in denen es darum geht, angebliche Reliquien zu beschaffen, sind sehr lesenswert - man schmunzelt nicht nur, sondern hat tatsächlich das Gefühl: so könnte es sich wirklich abgespielt haben! Wendepunkt des Buches ist Friedrichs Kreuzzug, bei dem der Kaiser zu Tode kommt. Wir erfahren, dass Barbarossa den Kriegszug nicht unternimmt, um Jerusalem zu befreien, sondern um dem legendären Priesterkönig Johannes zu begegnen, der - so die Sage - das Geheimnis des ewigen Lebens kennt. Und hier, als Barbarossa unter mysteriösen Umständen stirbt, kippt das Buch: Baudolino reitet mit einer kleinen Gruppe von Gefährten weiter und begegnet merkwürdigen Gestalten wie den Skiapoden, die sich auf einem einzigen Fuß blitzartig fortbewegen können. Diese Gestalten waren das mittelalterliche Pendant zu unseren Phantasiefiguren wie z.B. Elfen, Orks und Hobbits. Eco verlässt die historische Ebene und taucht sozusagen in die Fantasy ein - so wie sie sich das Mittelalter vorgestellt hat. Dieser Teil des Buches ist weit weniger interessant und liest sich meines Erachtens sehr schleppend. Eco spult nur eine phantastische Begegnung nach der anderen ab; das ironisch-vergnügliche "so könnte es tatsächlich passiert sein" des ersten Teils schlägt um in ein "das ist nun wirklich nie passiert." Jeder Bezug zu den Figuren geht dadurch verloren. Schlimmer noch: Die Handlung ist in eine Rahmenerzählung eingebettet, in der Baudolino dem byzantinischen Chronisten Niketas Choniates seine Erlebnisse schildert. Da der zweite Teil der Erzählung - Baudolinos Reise ins Reich des Priesters Johannes - sich nie zugetragen haben kann, Baudolino die Geschichte aber so erzählt, als habe er sie erlebt, stellt sich die nagende Frage: Wo war Baudolino wirklich in den Jahren zwischen 1190 und 1204, der Zeit, in der er seine phantastische Reise erlebt haben will? Auch der Hinweis, dass Baudolino ein Lügner ist, seine Erzählung ein Schelmenroman, hilft nicht weiter: Denn der erste Teil seiner Erzählung ist historisch plausibel, der zweite reine Fantasy. So bleibt die Frage: Was hat Baudolino wirklich erlebt? Das wäre sicher interessanter als alles, was Eco über die Grenzen des Reiches des Priesterkönigs Johann berichtet. Insgesamt also reichlich unbefriedigend, aus meiner Sicht Ecos am wenigsten gelungener Roman. Er driftet zu stark in die Fantasy ab, ein Genre, das andere Autoren besser beherrschen.
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