Hörbuch         Brief an den Vater, 2 Audio-CDs


Brief an den Vater, 2 Audio-CDs
von Franz Kafka und Stefan Fleming
CD
Januar 2001
Verlag: Hörsturz



Beschreibung:
Dieses Hörbuch klingt grässlich authentisch! Zum einen wegen des Stoffs des klassisch-zeitlosen Kindheitstraumas, das auf einer schrecklichen Vater-Sohn-Beziehung beruht und zum anderen wegen der Empathie, mit der dies vorgetragen wird. Sie verleiht dem an sich schon Erschreckenden den letzten erschütternden Schliff. Vielleicht liegt es auch an der außergewöhnlichen Klarheit und Präzision des Erzählten, dass man sich so sehr getroffen fühlt. Immerhin handelt es sich bei dem Verfasser ja um Franz Kafka, einen Meister der Sprache.

Kafka hat den in seiner Handschrift mehr als hundert Seiten langen Brief 1919 in einer Pension in Schelesen geschrieben. Er hat den Brief nie abgeschickt oder ihn dem Vater übergeben. Mit 36 Jahren hat er sich daran gemacht, in Form eines Briefes mit dem Vater "Frieden zu schließen", den für sein gesamtes Leben so wichtigen Konflikt mit dem Vater schreibend zu bewältigen. Dabei versteht er seine Darstellung niemals als bloße Anklage, sondern ist immer bemüht die Schuldlosigkeit des Vaters festzuhalten. Zwei zu unterschiedliche Wesen, ein von Anfang an übermächtiger Vater, dem weder das Kind noch der erwachsene Mann ebenbürtig werden konnten - so hören sich seine Entschuldigungen an.

Stefan Fleming, dem Wiener Schauspieler und Autor, gelang hier eine Interpretation des Briefs, die an die Nieren geht. Mit seiner Stimme setzt er Kafkas Horror der lebenslangen Abhängigkeit vom Vater ergreifend in Szene: Der Tyrann, der alles, was den Sohn interessiert, kritisierte, der an Stelle von Selbstvertrauen Schuldbewusstsein beim Sohn einpflanzt ... die ganze tragische Entwicklung wird lebendig. Wer das gehört hat, findet wahrscheinlich einen neuen Zugang zu Kafkas Werk. Lesung, Spieldauer: ca. 134 Minuten, 2 CD. Mit Booklet.

-- culture.text


Kommentare und Bewertungen:
der Brief an den Vater
Ist es eigentlich erlaubt, eine rein objektive Rezension über Kafkas Brief an seinen Vater zu schreiben? Wenn man Kafka liest, ich betone, liest und nicht überfliegt, kann es gar keine objektive Bewertung von Kafkas Werk, insbesondere dem Brief an den Vater geben. Für Verfechter der Hermeneutik birgt dieses durchaus als Werk gültiges, ja, Zeitdokument natürlich enorm viele Subtilitäten, welche aber nur die einzelnen Folien in Kafkas Werk wiederspiegeln, die jeder kafkaforscher für sich individuell, also subjektiv im gleichen Maße definiert. So sehen wir, es ist erlaubt, aber schier unmöglich, Kafka mit einer objektiven Deutung seines werkes zu huldigen. Dass Kafka sein Werk so schrieb, dass es jeder und keiner voll und ganz versteht, verdeutlicht er im Brief an den Vater. Dieser Brief bietet für Kafka-Neulinge den idealen Einstieg in sein Werk, da die Problematik der Authorität des Vater aus hermeneutischer Sicht immer eine Rolle spielt...aber das ist AUSLEGUNSSACHE ;-)


die fahne des robinson am hoechsten punkt der insel
hat kafka ein grundlegendes soziologisches, tiefenpsychologisches, literarisches oder gar politisches werk geschrieben? man weiss es gar nicht - nur humorvoll war es sicherlich nicht - es sei denn, man hält seine phantasien für eine besonders bittere abart zynischen spotts.
der lang-brief, den er an seinen vater denkend schrieb - er offenbart die entstehende angst gegenüber der gesellschaft und das düster geschriebene gesamt-werk als verwurzelt in der vater-beziehung. was in jungen jahren einen menschen in einer misslungenen vater-beziehung demoliert, das färbt seine spätere wahrnehmung aller vater-ersatz-objekte: vater staat, vater bürokratie, schloss-herr. selbst seine zu frauen nicht ins richtige fahrwasser geratene einstellung erklärt sich aus dem "introjizierten" vater: der tiefenpsychologie ist als übliche struktur bekannt, dass man (identifikation mit dem aggressor) den vater in seinem kopf als bedrohungspotential mit herumschleppt. "Es ist gut, seinen Träumen nachzujagen, aber schlecht, wie es dann meistens auszugehen pflegt, von ihnen gejagt zu werden...", schreibt kafka andernorts. man könnte variieren: "Es ist gut, seiner Vaterbeziehung nachzujagen, aber schlecht, wie es dann meistens auszugehen pflegt, von ihr gejagt zu werden..." oder: "es ist gut, sein eigenes schriftstellertalent zu vergöttern, aber schlecht, wie es dann meistens auszugehen pflegt, von ihm in eine hölle gelotst zu werden." viel erinnert bei kafka, liest man diesen brief an seinen vater, an kierkegaards von angst geprägte vater-beziehung, die auch ihm den aufbau einer positiven erotischen identität vermasselte. adorno spöttelte denn auch: "Kafka war ein eifriger Leser Kierkegaards, aber er hängt mit der Existenzialphilosophie nur so weit zusammen, wie man von "vernichteten Existenzen" spricht." na ja, ganz vernichtet war er ja nicht. er befreite sich ja im schreib-erlebnis, und auch für den leser hat die präzision seiner schreibkunst etwas befreiendes. "Es ist unleugbar ein gewisses Glück, ruhig schreiben zu dürfen: Ersticken ist unausdenkbar fürchterlich" atmet kafka einmal auf - und dem leser, falls sein eigenes denken und fühlen bei der kafka-brief-lektüre in bewegung gerät - ihm kann derselbe befreiungsprozess nacherlebbar werden - er muss sich nur auf kafkas stimmung eine zeitlang einlassen wie ein die seelenmeere durchforschender kolumbus, der auf einmal etwas seltsames ins fernrohr bekommt - denn kafka schrieb (und steckt hier nicht doch ein bisschen humor?): "Dieses ganze Schreiben ist nichts anderes als die Fahne des Robinson auf dem höchsten Punkt der Insel." bleibt am schluss nur die frage ans gefühl: eine weiße fahne (die der kapitulation des überwältigten?) - oder eine bunte: die des auf eine insel des schreibens entronnenen?


Eine Expertise über väterliche Macht und kindliche Angst
" ... ist meiner Meinung nach doch etwas der Wahrheit so sehr Angenähertes erreicht, dass es uns beide ein wenig beruhigen und Leben und Sterben leichter machen kann." Mit diesen Worten schließt Kafka's 'Brief an den Vater'. Aber es wäre nicht Franz Kafka, wenn ihm nicht auch dieser Brief, der ursprünglich wirklich für seinen Vater gedacht war, zur Literatur geriete. Indem er seine Gedanken und Gefühle in literarische Klänge transponiert, entzieht er sich und seinen Text einfachen Interpretationen. Ins Unbenennbare stiehlt er sich weg.

Vater und Sohn, Mächtiger und Ohnmächtiger, der eine, der Angst verbreitet, der andere, der sie vor ihm hat, der starke Vater, der schwache Sohn - sind sie nicht auch vertauschbar diese kunstvoll aufgebauten Gegensätze? Als Leser spürt man dieses beklemmende Gefühl des sich nicht vom Vater Lösens, eine immens kreative Verengung, in der es sich Franz Kafka unbequem gemacht hat. Man fühlt sich mit ihm steckengeblieben im Geburtskanal, ängstlich darauf bedacht, eine Abnabelung zu verhindern.

Kafka spricht zwar sich selbst und seinen Vater von jeglicher Schuld frei und doch ist der Brief eine Aneinanderreihung von Vorwürfen und Anklagen. All seine Mißerfolge, besonders seine mißglückten Versuche zu heiraten und so dem Einfluss seines Vaters zu entkommen, setzt er in Zusammenhang mit dem von ihm als übermächtig Empfundenen. Die Macht des Vaters und die Angst des Sohnes sind die zentralen Gegenpole. In diesem Brief, diesem unter die Haut gehenden labyrinthischen Beziehungsknäuel, wird er zum Führer, der selber keinen Ausweg kennt. Als Leser vertraut man einem Blinden, dessen Hellsichtigkeit die Nacht zum Tag macht. Man wird hineingezwungen in dieses Paradoxon des Flüchtens und nicht von der Stelle Kommens, das wir alle aus Träumen kennen.

Mit dem Lesen des 'Briefes an den Vater' eröffnen sich beim Lesen von Kafka's Werk neue Perspektiven. Das Geheimnis und die Schönheit seiner Texte halten Wissen, Analyse und Erklärung trotzdem stand.


sein persönlichstes werk
nachdem ich kafkas biographie gelesen habe und natürlich "die verwandlung", "der proceß" und "das schloß", war ich doch etwas überrascht, dass dies alles von "brief an den vater" übertroffen wurde. vom persönlichkeitsgrad kommt es einem tagebuch gleich, wobei dieser brief, den nicht einmal der eigentliche empfänger gelesen hat, übertrifft es sogar. durch diesen brief wollte kafka die beziehung zu seinem vater endlich festigen und klarheit schaffen. seit seiner kindheit an spielte das vaterbild eine große rolle in seinem leben. der vaterkomplex begleitet ihn durch all seine werke, vor allem "die verwandlung" wurde stark davon beeinflusst. zuletzt schickte er ihn jedoch nicht ab, was zeigt, dass kafka nie den mut hatte, auf seinen vater zuzugehen.


Kafka - Für mich entdeckt.
Nun, ich war zuvor kein Freund der Kafkaschen Werke, habe ich doch "Die Verwandlung" und andere Erzählungen gelesen und dennoch wusste mich nie ein Werk so sehr überzeugen wie "Brief an den Vater". Nicht nur, dass hier der ansonsten so trockene Stil eine neue persönliche Richtung bekommt, die Präzision, mit der Kafka seinen Vater durchleuchtet, ihn durchschaut und mit wesentlichen Begebenheiten er seine Thesen unterstützt. Für mich hat dieses Werk einen sehr greifbaren Aspekt: Hier kann man Kafkas gesamte Verletzlichkeit und gesamte Selbstkritik beobachten. Mit welcher fast schizophremie er heran geht die Schuld des Vaters zu beweisen, ihn dann aber von seiner Schuld freizusprechen. Wie er eine Anklage gegen seinen Vater erhebt und ihn dann persönlich von seinen Vorwürfen freispricht und entschuldigt. Die gesamte Bandbreite der Kafkaschen Gefühlswelt wird hier geboten: Wut, Hass, Verzweiflung, Traurigkeit und auch ganz einfache Schwermütigkeit, die ja immer ein wesentlicher Charakterzug Kafkas war.
Wer mehr über die persönliche Seite Kafkas wissen wollte, stößt hier auf ein sehr schönes Werk, was genügend Unterhaltungs und auch Nachdenkstoff liefert.


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