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 Der Besuch des Leibarztes, 2 Audio-CDs
von Per O. Enquist, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, Jutta Hoffmann, Walter Adler und Valerie Stiegele
CD
August 2002
Verlag: Dhv der Hörverlag

Beschreibung: Als der dänische Kronprinz Christian 1766 16-jährig zum König ausgerufen wurde, war er bereits geisteskrank. Nicht von Geburt, nein -- er war von seinen Ausbildern psychisch gefoltert worden. Das war die spezifisch dänische Methode, sich mit dem Absolutismus zu arrangieren, denn wenn der König arbeitsunfähig war, delegierte er die Macht zwangsläufig an seine Beamten. Und da diese durchaus gern regierten, wurden Thronfolger schon einmal systematisch in den Wahnsinn getrieben, so funktionierte das System. Doch als Christians Leibarzt, der eigens eingestellt worden war, um allzu peinliche Auftritte des "kleinen kranken Königs" zu verhindern, sich in die junge Frau des Herrschers verliebt, droht der Staatsapparat zusammenzubrechen. Der Arzt wird zum mächtigsten Mann am dänischen Hof und initiiert eine kleine Revolution. Die für ihre Hörspielproduktionen zu Recht gerühmten Rundfunkanstalten NDR und SWR haben sich an eine szenische Bearbeitung von Enquists großem Roman über die tiefen Zusammenhänge von Liebe und Macht gewagt, und das mit Erfolg: Die mit namhaften Sprechern wie Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel und Jutta Hoffmann aufgenommene Produktion haucht nicht nur diesem eigentümlichen Kapitel der dänischen Geschichte Leben ein, sondern schafft es auch, die herrlich schlichte, stellenweise fast naive Sprache der Romanvorlage auf denkbar gelungene Weise zu übernehmen. Auch wenn gut zwei Stunden Hörspiel natürlich nie alles transportieren können, was 350 Seiten Roman vorlegen, und Leser des Romans deshalb sicher die eine oder andere lieb gewonnene Episode vermissen werden, ist diese Produktion für sich genommen doch ein schönes Kleinod. --Christoph Nettersheim Hörspiel, 2 CDs, Spieldauer ca. 137 Minuten.
Kommentare und Bewertungen: Bedrückend
    
Der deutsche Arzt und "Aufklärer" Struensee wird an den dänischen Königshof beordert, um dem vermeintlich geisteskranken König Christian zur Seite zu stehen. Dieser entwickelt sehr schnell ein enges Verhältnis zu seinem Leibarzt, was Struensee die Möglichkeit gibt, seine fortschrittlichen humanen Ideen in die Praxis umzusetzen. In dem Intrigenspiel um die Macht am Hof geht dies nicht lange gut und Struensee zieht sich die Feindschaft einiger Männer zu, die ihn schließlich sein Leben kosten wird. Absolut erschreckend ist es, wie der Drang nach Macht und Geld Menschen innerlich völlig vergiftet und wozu diese Menschen imstande sind, um ihre Position nicht abgeben zu müssen. Im Buch stellt sich schnell heraus, daß der König bei weitem nicht geisteskrank ist, sondern schon in seiner Kindheit durch Schläge, Folterungen, Erniedrigungen gezielt seelisch zerstört wurde, damit er nicht in der Lage sein wird, das Land regieren zu können und damit die Macht in Händen seiner "Wohltäter" bleiben wird. Das ist für mich das Schlimmste an dem Buch. Ein völlig normales Kind fällt "den Wölfen" zu, um systematisch zerstört zu werden. Ich finde das schwer erträglich. Trotzdem ist das Buch sehr lesenswert, da es äußerst spannend geschrieben ist und einen sonst weniger beachteten Teil der Geschichte näher bringt. Auch der Erzählstil aus Sicht eines scheinbar unbeteiligten Dritten liest sich sehr gut. Ein Buch, das den Leser gefühlsmäßig sehr stark anspricht.
Bewegend und Essentiell - Literatur von höchstem Rang
    
Per Olov Enquist beschreibt die Ereignisse in zwei Jahren der Revolution in dem kleinen niedergehenden Königreich Dänemark am Ende des 18. Jahrhunderts. Enquist interessiert sich mit tiefer Empathie für die Menschen, die Abläufe und Prozesse, wie sie „ticken" und zueinander stehen. Königin Caroline Mathilde, schön, romantisch und eigensinnig, Tochter des englischen Königs, die Einheirat in das dänische Königshaus geschieht aus politischem Kalkül - Struensee, ein deutscher Arzt, intelligenter Aufklärer mit „schwieriger", rätselhafter Persönlichkeit, der ihr Geliebter wird - Der geistig gestörte König Christian, der eine erstaunliche seherische Gabe und Sensibilität hat, aber die meiste Zeit verwirrt und mit sich selbst beschäftigt lebt - der mächtige Gegenspieler Guldberg, intelligent, doch hässlich, unbeliebt und, sein besonderes Problem, impotent. Struensee tritt in die Geschichte Dänemarks, indem er als Vormund des Königs Christian bestellt wird. Er beginnt die offene politische Chance zu ergreifen, die Regierungsgeschäfte auch inhaltlich selbst zu gestalten - Zug um Zug entsteht sein Masterplan demokratischer Reformen in Dänemark. Er verliebt sich in die Königin Caroline und sie haben ein Kind, geduldet, wenn nicht beinahe gewünscht von König Christian, der doch vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. Christian mag Struensee und beginnt, beide fast als Eltern zu sehen - seine Mutter reagiert auf ihn allenfalls kalt, wenn nicht ablehnend. Einer der vielen bewegenden Passagen in diesem Buch, die Einordnung von Christians psychischen Problemen. Doch der revolutionäre Umschwung, von Regierungsseite verordnet, scheitert. Struensee bezieht zum einen die Bevölkerung in keiner Weise ein, ferner gibt er sich distanziert gegenüber den Mitteln der Machtausübung und ignoriert das bestehende Machtgefüge. Endgültig scheitert er daran, die tief verwurzelten Verhaltens- und Glaubensgrundsätze seiner Zeit durch den Ehebruch mit der Königin und dem unehelichen Kind verletzt zu haben. Doch schlussendlich deuten auch seine Gegner die Stimmung nicht richtig, der Wunsch nach demokratischen Reformen ist nicht mehr aufzuhalten, auch wenn Struensee und einer seiner Gehilfen hingerichtet werden. Ganz Europa folgt bewegt, erstaunt und interessiert den demokratischen Entwicklungen in Dänemark und dem Schicksal seiner Akteure. Enquist stellt Fragen, die genauso nicht in Geschichtsbüchern beantwortet werden können. Vorsichtig und tastend die Beobachtungen prüfend und wiederholend umkreist er die Ereignisse und die Akteure -es entstehen emotional packenden Momente, tiefgehende Porträts von Menschen, intellektuell fordernde Passagen, spannendes darüber, wie Politik funktioniert, wie Machtgefüge funktionieren. Er wird dem spannenden Stoff in einer skeptischen und fragenden Betrachtungsweise gerecht und findet einen genuin literarischen Ton. Einfach eines der besten Bücher, dass ich je gelesen habe.
Der Arzt auf dem Schaffott
    
Dieser Mann ist ein Arzt, wie er im Buche steht: freundlich, hilfsbereit und so gut zu den Menschen, dass er in den Armenvierteln Altonas des 18. Jahrhunderts lieber die Volksimpfung voranbringt, statt gut bezahlte Anstellungen zu wählen. So stellt man sich idealistische Auklärer vor. Doch als ihm eines Tages angetragen wird Leibarzt beim absolutistischen König Christian VII. zu werden, willigt er ein, geht nach Dänemark und nimmt nach und nach den Raum ein, den ihm der geisteskranke König gewährt, um sich politisch zu betätigen. Struensee erlässt in seiner kurzen Zeit am Hof über 600 Gesetze, bis er auf dem Schaffott endet. Aber die Aufklärung allein ist es nicht, die ihn umbringt, sondern seine Liebesbeziehung zur Königin. Der Gatte duldet sie genau so wie die gemeinsame Tochte mit Struensee. Die Höflinge nutzen aber die anstößige Liaison, um sich Struensees zu entledigen, der den Lesern als charaktervoller und einfühlsamer Freund und Liebhaber dargestellt wird. Man mag kaum weiter lesen, als Struensee alle Warnungen ausschlägt und als Opferlamm endet, bevor er im Kerker noch lange Reueschriften verfasst hat. Das empört uns Leser, haben wir doch auf 300 brilliant geschriebenen, nie langweiligen Seiten erfahren, wie klug und vom Geist der Aufklärung überzeugt der Leibarzt aus Altona ist. Per Olov Enquist hat die Sympathielenkung geschickt aufgebaut, so dass gut nachzuvollziehen ist, wie der junge Goethe sich über die vermeintliche Reue des Eingekerkerten Aufklärers aufregte. Selbst Katharina die Große kann die Hinrichtung nicht verhindern, was der Autor in einem Kurzbericht notiert, der so sachlich und stakkatohaft verfasst ist, wie das stumpfe Geräusch des Henkerbeils, das den jungen Mann gnadenlos zerteilt. Das versammelte Volk, so bemerkt die geschockte Leserschaft, zieht immerhin lautlos ab und jubelt nicht. Enquist hat die Spannung so aufgebaut, dass wenigstens das beruhigende Wissen über die große französische Revolution bleibt, die Struensees Schergen über kurz oder lang entmachten wird. Und es verwundert nicht, dass Enquist dieses Thema wie schon etlich vor ihm (u.a Hebbel) aufgegriffen haben, um das Scheitern eines großen Individuums zu zeigen, das trotz - oder gerade wegen? - Ehebruchs und Amtsanmaßung unser aller unumschränkte Sympathie erhält. Das Buch hält die gefällige Waage zwischen historischem Roman, Liebesgeschichte und psychologischer Studie.
Großartiges historisches Hörspiel
    
Dieter Adler inszensiert für den NDR ein großartiges, kurzweiliges Hörspiel, das die abenteuerliche Lebensgeschichte des Arztes Dr. Johan Friedrich Struensee erzählt. Dr. Struensee praktizierte über 12 Jahre als Arzt in Hamburg-Altona, das seinerzeit zu Dänemark gehörte. Er versuchte die damaligen medizinischen Mißstände zu beheben. Heute würde man ihn sicherlich als politisch linksstehend bezeichnen. Dann wird er Leibarzt des Dänenkönigs Christian VII, der geistig so behindert ist, daß er seinen Hund Vitrius zum Reichsgrafen befördert. Struensee benutzt den psychisch labilen König um seine Sozialreformen durchzuführen. Insgesamt 1800 Erlasse Struenssses (u.a. werden die Friedhöfe aus der Stadt verlegt, in Kopenhagen werden die Straßen gepflastert und die Pockenschutzimpfung wird eingeführt) werden vom König "blind" unterschrieben. Der König ist mit einer hübschen, sehr jungen englischen Prinzessin verheiratet worden. Struensee wird Liehaber der unglücklichen Königin. Dies wird ihm zum Verhängnis. Am 28.04.1772 wird er zum Schafott geführt und hingerichtet. Die Sprecherinnen und Sprecher, u.a. Felix von Mateuffel, Ingrid Andree, Jutta Hoffmann, Ulrich Matthes und Andreas Pietschmann als König Christian VII. Pietschmann hat die schwierige Aufgabe, die psychisch labilen Stimmungen und die Anfälle darzustellen. Das gelingt ihm grandios. Ein Hörspiel der Extraklasse - und gleichzeitig ein Stück Geschichtsuntericht. Uneingeschränkt empfehlenswert!
Krankes Dänemark
   
Es ist ein schwächliches und kränkelndes Dänemark, dem der Hamburger Arzt Johann Friedrich Struensee in den Jahren 1768 bis zu seinem Tod 1772 seinen Besuch abstattet. Der junge König Christian VII., labil und geistesschwach, ernennt seinen Riesenschnauzer Vitrius zum Kabinettsmitglied und widmet seine Aufmerksamkeit ausschließlich den Spielen mit seinem Negerpagen Moranti sowie einer gewissen Stiefel-Kathrine aus der Kopenhagener Halbwelt. Schnell steigt Struensee zum Leibarzt und Vertrauten des geistenkranken Monarchen auf und übt ab 1770 die politische Macht im Königreich aus. Mit über 2000 Dekreten und Anordnungen versucht er vom Schreibtisch aus, den dänischen Feudalismus durch Minderung der Leibeigenschaft und Aufhebung der Vorrechte des Adels zu brechen. Doch gerade die Bauern, deren Lebensbedingungen er mit seinen Reformen verbessern will, stoßen sich an seinem Verhältnis zu der blutjungen Königin Carolin Mathilde und schaffen so die Voraussetzungen für die reaktionären Kräfte am Hof, die dem Deutschen schließlich zum Verhängnis werden. Die Auseinandersetzung des schwedischen Romanciers Per Olov Enquist mit einer der interessantesten Perioden des dänischen Absolutismus ist ein dokumentarischer Roman, mit dem der renommierte Autor sogar die Gnade des großen Quartettspieleres Marcel Reich-Ranicki fand. Eng an historische Quellen angelehnt, greift Enquist eine breite Themenpalette wie kindliches Königtum und den Wahnsinn der Alleinherrschaft auf, aus der das Paradoxon herausragt, dass Struensee nicht über politische Fragen, sondern über seine gänzlich unpolitische Liebe zur Königin stürzt, was die Frage aufwirft, ob die Liebe zu einer Königin nicht immer auch ein Stück Politik war und noch ist oder wenigstens dazu gemacht wird. Doch Enquist behält aufgrund seiner erzählerischen Fähigkeiten stets den Überblick über seine Themen und führt den Roman souverän zu Ende. "Schade, dass er kein Däne ist" meinten einige der führenden Literaturkritiker im kleinen Königreich, was angesichts der gewissenhaft gepflegten Animositäten gegenüber dem alten Erbfeind von der anderen Seite des Oeresundes wohl der deutlichste Hinweis auf die Qualität des Buches darstellt.
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