Hörbuch         Der Lebenslauf der Liebe, 10 Audio-CDs


Der Lebenslauf der Liebe, 10 Audio-CDs
von Martin Walser
CD
2002
Verlag: Dhv der Hörverlag



Kommentare und Bewertungen:
So spannend kann ein guter Mensch sein
Der Niedergang der Düsseldorfer Anwaltsgattin Susi Gern, mit ihrem sexbesessenen Mann, der behinderten Tochter und dem verkorsten Sohn, war für mich bislang die angenehmste Buch-Überraschung des Jahres. Trotz wahrer Textmassen habe ich den „Lebenslauf" fast am Stück in fünf Tagen mit viel Spaß runtergelesen, er eignet sich auch als spannende Strandlektüre. Völlig unverständlich sind mir einige Rezensionen: Da ist oft zu lesen, die Hauptperson sei eine unerträglich oberflächliche und dumme Person. Stimmt so nicht. Letztlich ist Susi Gern mir richtig ans Herz gewachsen, denn bei allen Schwierigkeiten glaubt sie - durchaus blauäugig - stur an das Gute im Menschen und in der Welt, auch wenn sie daran (fast) scheitert. Das Buch hat durchaus auch Schwächen: Es ist zu lang, bietet zu viele - nur teilweise amüsante - nebensächliche Details, Walser kommt wieder mal selten auf den Punkt. Trotzdem allem halte ich es letztlich für eines seiner besten Werke.


Susi Gern - eine deutsche Heldin
Susi Gern - eine deutsche Alltagsheldin. Warum finden so viele Kritiker Susi Gern zu mittelmäßig, ihr Leben zu banal, um darüber einen Roman zu schreiben? Das Buch ist weder geschwätzig noch langweilig. M.W. schreibt mit großem Detailreichtum und Liebe zur Genauigkeit. Dass es 1974 noch keine Handys gab, halte ich für eine Nebensächlichkeit, die zu vernachlässigen ist. Ansonsten hat er im Düsseldorfer Zoo-Viertel sehr gut recherchiert. Steckt nicht ein großes Stück von Susi Gerns teilweiser Trivialiät in vielen von uns Mittelständlern und Bürgerlichen? Ist es das Wiedererkennen der eigenen Persönlichkeit, das Nicht-ertragen-können der Erkenntnis, wie banal wir selbst häufig sind, das den Lesern das Buch so schwer macht? Ich würde die wahre Susi Gern gerne kennenlernen; sie ist gesellschaftlich immens tief gefallen, hat ihren Lebensmut und den Glauben an die wahre Liebe trotzdem nicht verloren; ist das nicht Grund genug einen 500-Seiten-Roman zu schreiben?


Zu Beginn etwas holprig - aber dann brilliant
Erst musste ich mich Einfinden in die Familie Gern mit Ihren Vorlieben und Eigenarten. Nur die Aufwärmphase hat diesen Roman für mich einen Stern gekostet. Susi Gern die Mutter der Familie ist eine herzensgute, letztlich einfach strukturierte Frau, die mit ihren Aufgaben wächst und diese mit Bravour erfüllt. Eine Familie der es finanziell sehr gut geht, auf der Sonnenseite des Lebens. Und mit dem gepflegten Einkauf in der Boutique kann man auch das Fremdgehen des Gatten besser verschmerzen. Schließlich ist er ehrlich und macht keinen Hehl aus seinen Liebschaften. Damit kann man das Fremdgehen schon fast ein wenig akzeptieren. Und dann der Fall der reichen Familie Gern. Das amüsant menschliche und doch distanzierte Verhältnis zu den Dienstboten. Die Kompagnons, die das Blaue vom Himmel herunter versprechen und sich dann doch an nichts halten. Die guten Geschäfte, die immer nur die anderen abschließen. Die Herausforderung an Susi Gern, als ihr Mann erkrankt und alt wird. Eine Aufgabe, die man ihr nicht zugetraut hätte und die sie mit Bravour meistert. Und gegen Ende taucht sie in eine neue Welt, eine neue Kultur mit ihrem zweiten Ehemann ein. Für den Leser eine Ehe, die sie aus der Not, aus Kompromissbereitschaft eingegangen ist, für die Hauptdarstellerin aber offensichtlich mehr. Ein Buch in das man Eintauchen kann, seine Sicht der Dinge behalten, mit dem Stück Leben, das man gezeigt bekommt, vergleichen und niemals den Faden verlieren. Und alle Facetten im Gefühlshaushalt werden angesprochen. Das macht es so interessant und abwechslungsreich: das Schwanken zwischen überheblichem, fast mitleidigem Blick auf die vermeintlich so einfach strukturierte Frau Gern. Der Traum vom souveränen Reichsein. Das Stück Menschlichkeit, mit dem sie von ihren Kindern auf den Boden der Tatsachen geholt werden und die zweite Ehe, die in unserer Umwelt auf soviel gerunzelte Augenbrauen stösst. Allein der Altersunterschied! Da sieht man beim Lesen förmlich die geschürzten Lippen. Für mich ein zeitloses Buch, weil es eine zeitlose Geschichte ist. Nur das Drumherum lässt das Entstehungsjahr erkennen.


Hin und her gerissen
Wie immer schafft es Martin Walser auch mit diesem Buch, mich "bei der Stange" und in Spannung zu halten. Warum, weiß ich eigentlich nicht so recht, denn die Geschichte ruft meinen Widerspruch hervor. Zunächst einmal habe ich das Gefühl, daß Walser hier zuviel über Sex schreibt. Das kenne ich nicht von ihm. Folgt er hiermit Gepflogenheiten moderner Schriftsteller, die sich durch möglichst viel Sex im Buch als weltoffen darstellen? Mit der Hauptperson will ich nicht das Mitleid haben, das man offensichtlich vom Leser erwartet wird: sie hat jahrelang die Eskapaden ihres Mannes geduldet - einerseits, weil sie damit von seinen sexuellen Forderungen an sie befreit war, andererseits, weil er ihr ein Leben in "Saus und Braus" ermöglicht hat. Dies geschah bewußt. Daß er am Ende seines Lebens zerfällt (gesundheitlich und finanziell) und sie darunter leidet, ruft daher bei mir kein größeres Mitleid als in einem FAll intakter Ehe hervor. Das Bild, das Walser von dieser Frau zeichnet, ist zwar interessant; aber ist es auch glaubhaft? Die Frau ist zeitweise Bulimikerin, zeigt aber ansonsten keine Anzeichen irgendwelcher Schwäche, sondern arbeitet sich mit eine kraftvollen Naivität aus ihren SOrgen heraus. Man müßte einen Psychologen befragen, ob dies zusammenpaßt.


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