Hörbuch         Kanzlersturz, 3 Audio-CDs


Kanzlersturz, 3 Audio-CDs
von Hermann Schreiber und Matthias Brandt
CD
Oktober 2003
Verlag: Roof Music



Kommentare und Bewertungen:
Als Roman spannend, als Sachbuch enttäuschend
Hermann Schreiber hat eine spannend geschriebene Dokumentation über den "Kanzlersturz" Willy Brandts vorgelegt. Auf rund 270 Seiten beschreibt er den Verlauf der Spionageaffaire Guillaume, Grundlage des Fernsehfilms "Im Schatten der Macht". Darin wird ausführlich der Aufstieg Guillaumes beschrieben, beruhend auf den bisher vorliegenden Quellen und von Zeitzeugen. Die ganze Geschichte um den Rücktritt Willy Brandts wird spannend erzählt - ohne die Sympathie des Autors und langjährigen Spiegel-Journalisten für Brandt zu verleugnen. So entsteht ein sehr spannendes Buch, welches als Einführung in diese Zeit gut geeignet ist. Allerdings habe ich mich die ganze Zeit gefragt: handelt es sich hierbei um ein streng wissenschaftliches Sachbuch oder eher einen dokumentarischen Roman? Quellen am Ende sind benannt worden, aber für ein wissenschaftliches Fachbuch sind die Aussagen zu dünn. Alles wesentliche wurde bereits in Arnulf Barings Darstellung "Machtwechsel" aus dem Jahre 1982 vorgelegt. So bilanziert Schreiber zu Beginn seines Buches: "Als 1982 Arnulf Barings Buch "Machtwechsel" erschien - bis heute die beste Darstellung der Ära Brandt-Scheel, die ich kenne - hielt ich mein "Unterfangen" [gemeint war die Planung des Buches und des Films] für überholt."
Und hier beginnt mein kritisches Nachfragen: Wirklich Neues hat Schreiber nicht zu bieten: alles wesentliche ist durch Barings oben erwähntes Buch und die Brandt-Biographien von Merseburger (2002) und Schöllgen (2001) gesagt. Nicht umsonst scheint mir das Buch die Ursachen des Kanzlerrücktrittes eher zu verstellen, wenn einzig und allein auf die Spionageaffaire Guillaume und ihre Auswirkungen abgehoben wird. Hat Schöllgen nicht recht, der in seiner Brandt-Biographie und in einer kürzlich in der "Zeit-Literatur" (40, 58. Jg., S. 40) erschienenen - äußerst kritischen - Rezension zum vorliegenden Band schreibt: "In Wahrheit", hat Willy Brandt später einmal vor laufender Kamera gesagt, "war ich kaputt, aus Gründen, die nichts mit dem Vorgang zu tun hatten, um den es damals ging." - so das Zitat aus Schöllgens Brandt-Biographie und der oben genannten Rezension. Und genau darum geht es: die Einzelheiten - sowohl des Filmes als auch des Buches - sind spannend erzählt und geschrieben - sie eignen sich hervorragend für einen Agententhriller. Die eigentliche Frage aber, "Warum Willy Brandt zurücktrat" wird nicht geklärt. Gegenüber den Darstellungen von Merseburger, Baring und Schöllgen gibt es nichts "Neues". Auch die Frage, ob Erich Honecker von seinem Geheimdienstchef informiert worden ist und von der Platzierung Guillaumes im Kanzleramt im Voraus informiert war - bleibt offen. So ist festzuhalten, dass das vorliegende Werk nichts "Neues" bringt und Schöllgens Resumee aus seiner Rezension kann ich daher nur zustimmen: "Von einem Buch mit diesem Anspruch [die Ursachen des Brandt-Rücktritts aufzuklären] erwartet man mehr."Daher als Fazit: ein spannend geschriebener dokumentarischer Roman, der die Affaire, aber auch die Stimmung im damaligen Bonn, besonders unter den sozial-liberalen Journalisten der Brandt-Ära, deutlich macht und spannend geschrieben ist. Als wissenschaftliches Sachbuch aber ohne Neuigkeitswert und daher letztlich - enttäuschend.


Gute Vorlage, weniger gutes Hörbuch
Man merkt diesem Buch an, daß sein Verfasser 1974 ganz nahe am Geschehen war. Es gelingt Schreiber - wie man es auch schon von seinen Reportagen gewohnt ist - zugleich engagiert und sachlich zu berichten. Man merkt, wo er steht; aber er läßt verschiedene Ansichten zu Wort kommen und maßt sich nicht an, ein endgültiges Urteil zu fällen. Insofern hebt sich das Buch positiv ab von dem jüngst ausgestrahlten Fernsehfilm, dem es zugrunde lag. Störend ist eigentlich nur der von Schreiber dauernd verwendete Plural "Verdachte".
Die Umsetzung als Hörbuch scheint mir aber nicht ganz gelungen: Matthias Brandt kann man sich gut in einem Hörspiel vorstellen. Zu einem Sachbuch paßt sein Lesestil nicht, sondern lenkt eher ab. Mir gefällt auch nicht, wie er die (sehr zahlreichen) Zitate im Text markiert, nämlich indem er seine Stimme moduliert, manchmal sogar - so mein Eindruck - den Zitierten nachzuahmen versucht. Um folgen zu können, wäre es besser gewesen, sie mit dem Wort "Zitat" einzuleiten oder - noch besser - durch einen anderen Sprecher lesen zu lassen. Ein weiteres Manko: Jede CD ist in nur 4 Tracks aufgeteilt. Das macht es schwierig, eine Stelle wiederzufinden.
Wegen seines Inhalts sei das Hörbuch trotzdem empfohlen.


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