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 Tod eines Kritikers, 4 Audio-CDs
von Martin Walser
CD
Oktober 2002
Verlag: Eichborn

Kommentare und Bewertungen: Der Club der toten Richter
    
"Dieser Roman hat seinen Platz 1 auf der deutschen Bestseller-Liste mehr als verdient! Ein Lesevergnügen ersten Ranges, von der ersten bis zur letzten Seite."Das sind jetzt so Kritiker-Floskeln, die man irgendwo schon mal gehört oder gelesen hat. Aber was soll ich anderes zu einem Buch sagen, das mich von Anfang bis Ende nicht losgelassen hat? Der Briefträger hatte das Amazon-Päckchen kaum abgegeben, da fing ich auch schon an zu lesen. "Der Dichter ist tot. Es lebe die Literatur." Diesen Satz lesen und verstehen wir auf Seite 210 des neuen Romans von Martin Walser über das Leben und die Literatur. Der "Schschscheriftstellerrr" beschreibt darin in nur leicht überhöhter Weise das Phänomen Marcel Reich-Ranicki, der sich mit seiner berühmt gewordenen Quartett-Sendung (Vorgängerin der heute so beliebten Gerichtssendungen?) zum Grossrichter über die Weltliteratur aufspielte. "Bücher sind gut oder schlecht!" Und was gut oder schlecht war, bestimmte ER. Das Buch von Martin Walser liest sich wie ein Krimi. Schade, dass die Presse schon lange vor Erscheinen verriet, dass der Kritiker in dieser Geschichte nicht wirklich (?) stirbt. Dafür gehört ihr eine Watschn! Allerdings ist er im Roman so lange scheintot, dass die Frage, wer der Mörder ist, die Spannung aufrecht erhält. Aber es geht hier weniger um die Spannung eines Kriminalromans noch um Literatur über Literatur oder Kritik der Kritik. Walser hat ein Buch geschrieben, das unter anderem von den Demütigungen ("Kein Mensch kann Dir, wenn Du gedemütigt wirst, noch nahe sein" S.54) handelt, die die Sieger den Besiegten ("Überall wimmelt es von Besiegten. Geh aus dem Haus, du begegnest Besiegten" S. 126) zufügen. 218 Seiten lang begleiten wir einen Ich-Erzähler, der von der Unschuld eines gedemütigten Autors überzeugt ist, der den grossen André Ehrl-König ermordet haben soll. Der Erzähler besucht nicht nur den verdächtigen Hans Lach, sondern auch die verschiedensten Leute seines Bekanntenkreises, um seine Überzeugung von der Unschuld des Autors zu untermauern. Das letzte Lach-Buch hatte ausgerechnet den Titel "Der Wunsch, Verbrecher zu sein". Dabei begegnen wir schillernden Personen des Literaturbetriebs und lesen Reflexionen des Ich-Erzählers, Passagen aus dem Buch des "Verbrechers", Tonbandaufzeichnungen eines psychotischen Psychiatriepatienten und am Schluss eine phantastische Vision der "E-O-Kultur" (Ejakulation und Orgasmus) und des Literaturbetriebs im Jahr 2084. "Andauernd saßen in den Manegen Schriftsteller in Kabinen und lasen von ihren Head-Tops, was sie geschrieben hatten. Nur im Eventpalast waren die Kabinen, in denen die Autoren saßen, aus Glas. Diese ... kreisten auf Transportbändern unter dem gläsernen Boden der Manege. Oben die Kritoren, genannt die Großen Vier." Und so weiter, einfach köstlich! Ich wünsche Euch viel Spass beim Lesen! P.S. Ein paar Tage vor dem "Tod eines Kritikers" hatte ich übrigens "Der Tod des Autors" von Gilbert Adair (rororo 22881) gelesen: auch ein literarischer Krimi, in dem ein Literaturwissenschaftler die These aufstellt, dass jeder Text sich selbst schreibt und dass "ein Text (leider!) seinen Autor schreiben kann" (S. 75). "Die Wörter wissen Bescheid. Niemand besitzt sie, und niemand kann bestimmen, wie sie gelesen werden sollen, schon gar nicht ihr Autor" (S. 37). Das zum unsinnnigen Antisemitismus-Vorwurf, der von der Presse gegen Martin Walser konstruiert wurde. Warum, weiss ich nicht. Das Buch gibt jedenfalls keinen Anlass dazu. Hier wurde mal wieder ein falscher zum Sündenbock auserkoren. Ach, ihr Kritiker, Richter und Besserwisser! Womit kann man euch eigentlich noch Freu(n)de machen? Oder seid ihr wirklich schon tot?
Sternstunde
   
Es liegt etwas in der Luft bei uns. Irgendwas, das man fast fassen kann und das man schon immer ahnte. Also was denn ? Da gibt es zwei Liebhaber der deutschen Sprache, die beide dieses Emulgat, dieses Lebenselixier brauchen, wie das Baby die Brust bzw. die Milch. Und beide haben sich der Veranwortung gestellt, in diesem unseren Land zu schreiben bzw. zu leben. Damit sind sie Mitglieder einer Gemeinde, die sich äußern können, wann immer sie wollen. Und das tun sie ausgiebig. Wenn nun der eine sagt, er könne ohne diese Sprache (die deutsche) nicht leben, der andere aber genauso in ihr lebt und auch noch so nebenbei ein sehr guter Schriftsteller ist, der andere aber darüber schreibt, ist ein Zusammenstoßen der beiden immer vorprogrammiert. Nur ist es eigentlich egal, was der Kritiker über einen sehr guten Autor schreibt. Dem Autor kommt es fast immer zugute. Und hier liegt nun der Knackpunkt. Warum schreibt nun der Autor dieses Buch? Die Antwort soll er selber geben. Wenn es, wie immer, gut gemacht wurde, ist es ein Genuß, wenn er schludert, stellt er sich hart der Kritik. Wenn er aber persifliert und die einzige (sympathische) Schwäche des anderen ausnützt und in dessen (mündlicher) Sprache redet, um zum Lachen zu reizen, ist das zwar erlaubt, wird aber ein homerisches Lachen des Lesers (oder der Leserin) nicht oder nur schwerlich erreichen. Und hier liegt das Niveau. Auf tiefem Grund.
KEIN VERSTÄNDNIS FÜR DIESE EWIGE ANTISEMITISMUSDEBATTE!
   
Was hier passiert ist, ist im Grunde genommen die Fortsetzung von Walsers Roman. Suhrkamp bekam den schwarzen Peter zugeschoben - und zwar von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die sich selbst vor dem Streit eines alten Pseudokritikers mit einem anerkannten Schriftsteller schützen musste und deshalb den Vorabdruck des Romans verweigert hatte. "Hier sind alte Grabenkämpfe und eine große Wichtigtuerei", meint auch Greiner und man könne sich fragen, warum ein ganzes Land, ein ganzer literarischer Betrieb den letzten Zuckungen alter Männer folgen müsse. Was kocht also derzeit in den Feuilletons, wenn sich so viele Edelfedern auf ein kritisches Buch stürzen? Walser, und das ist die Ironie dabei, hat genau das in seinem Roman beschrieben - nur die Folgen hat er möglicherweise nicht richtig eingeschätzt. Gott sei Dank.Sonst gäbe es leider dieses Buch nicht, auch wenn es nicht zu seinen besten zählt. Walser gehört zu den wenigen Autoren ,die gegen den Strich streicheln und das gefällt nicht jedem.Marcel Reich-Ranicki hat mit seiner charmanten Art ,mit seinen unbegründeten Dolchstößen und seinem übertriebenen Showgehabe soviele begabte Autoren auf dem Gewissen...da hat sich niemand drüber aufgeregt oder hat sich nicht getraut.Warum wohl?
Gutes Buch
   
Ehrlich, Martin Walser zählt sonst nicht zu meinen Lieblingsautoren. Aber dieses Buch hat mich positiv überrascht. Es entlarvt den deutschen Literaturbetrieb und die dazugehörige Medienmeute, geißelt übermäßigen Ehrgeiz und Machogehabe. Ich habe kein einziges antisemitisches Klischee darin gefunden, da der Schriftsteller die negativen Eigenschaften des Kritikers nicht mit seiner Religion oder seiner jüdischen Herkunft in Verbindung bringt. Überhaupt wird an mehreren Stellen betont, dass der besagte André sich aus Religion nichts mache. Wäre das Buch tatsächlich antisemitisch, dann könnte man es mit gleichem Recht auch antikatholisch nennen, denn das darin beschriebene miefige Münchner Milieu ist vom Katholizismus geprägt.
Vom Tode der literarischen Freiheit
  
Nach der Lektüre von Walsers „Tod eines Kritikers" wird verschiedenes klarer. Das Buch ist eindeutig nicht antisemitisch sondern persönlich gegen den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gerichtet. Über Ton und Geschmacksfragen mag man sich lange streiten- unzulässig ist das Werk auf gar keinen Fall, so wie es interessierte Kreise gern gehabt hätten. Es wird jedoch nicht nur die Gestalt des Medienzauberers exakt geschildert, sondern ebenso die Kulturszene der Gegenwart beleuchtet, die sich in hedonistischer Selbstbespiegelung das Fernsehforum zunutze macht und dabei vor Korruption und Quotenjagd nicht halt macht. Aus Walsers Buch einen neuen deutschen Antisemitismus herauszulesen- dazu gehört schon eine gute Portion Chuzpe. Im nachhinein erscheint darum auch die aufgeblasene Stellungnahme des Mitherausgebers der FAZ, Schirrmacher, der den Vorabdruck des Romans so vehement verweigerte, nicht nur als übertrieben, sondern eindeutig interessengesteuert. Ging es vielleicht doch um die Auflage mit diesem Paukenschlag in der Literaturszene? Es bleibt die Feststellung, dass hier ein Buch vorab verurteilt wurde, das seine Leser erst jetzt beurteilen können. Die Diskussion mag sich hinziehen, der Gegenstand der Auseinandersetzung muß aber in guter demokratischer Tradition bekannt sein. Hier bleibt der fade Nachgeschmack eines subtilen Zensurversuchs.
Undurchsichtig
 
Ich möchte mit einfachen Worten mein Eindruck über das Buch "Tod eines Kritikers" schildern. Wie jeder andere war ich gespannt auf das was ich dort zu lesen bekam. Leider war ich sehr entäuscht. Es erforderte doch einige Konzentration, den Text und den Inhalt zuzuorden.Zuerst wußte ich nicht, wann jemand sprach, wer auf was antwortete und die Passagen aus "Seuse" waren mir einfach zu hoch.Die vorangegangenden Kritiken über den Inhalt des Buches konnte ich nicht darin entdecken;dazu gehört schon eine Menge Phantasie. MRR darf sich angesprochen fühlen, aber das wird auch vom Autor sein Grund haben. Zwischendurch ließ mich das Buch immer hoffen : jetzt wird es interessant... Leider war die Hoffnung vergebens. Ich lese sehr viel und sehr gerne, aber warum um dieses Buch soviel Tara gemacht wurde, ist und bleibt mir ein Rätsel!
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