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 Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens, 2 Audio-CDs
von Max Goldt
CD
März 2005
Verlag: Hörbuch Hamburg

Kommentare und Bewertungen: Die Texte in Goldts neuem Buch...
  
... sind von sehr unterschiedlichem Niveau. Noch nie zu seinen Stärken gehörten in meinen Augen szenische Texte. Die Szenen in diesem Buch haben daran nichts geändert, lediglich »Vom Munzinger-Trash zum Drall nach QQ« hebt sich positiv heraus. Manche Texte wirken etwas bemüht wie z.B. »Äpfel im Bett, Ärzte im Bergwerk« oder »Zwei Texte über Klumpen«; das Verspielte, Dahin-Improvisierte wirkt hier aufgesetzt und gestelzt. Insgesamt scheint mir Goldt mittlerweile in den Texten am besten und authentischsten, wo er (ernsthafter als früher) engagiert Stellung zu mehr oder weniger aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen bezieht. Diese Texte sind wirklich großartig, weil Goldt nicht in fernsehkabarettistischer Weise die Absurditäten des Alltags, die angeblich jeder kennt, einem massentauglichen Humor preisgibt, sondern genau beobachtet und intelligent und gewitzt beschreibt und bewertet. Die diesbezüglichen Höhepunkten des Buches sind z.B. »Der Sprachkritiker als Unsympath und Volksheld versiegender Minderheiten« oder »Die Verachtung«. Alles in allem ein nettes, anregendes, wenngleich recht teures Buch.
Resteverwertung zwischen Buchdeckeln...
  
...kauft man mit diesem teuren schmalen Büchlein, das es nur mit Hilfe der verschiedenen eingestreuten Illustrationen (von wem sind die eigentlich?) auf 172 Seiten bringt. So aufwendig mit festem Deckel, Fadenheftung und Lesebändchen stattet man zeitlose Klassiker aus, aber doch nicht ein Sammelsurium aus älteren Feuilletonbeiträgen und Radiokurzbeiträgen, darunter ein Verriß des Kanadischen Pavillons auf der Expo 2000 in Hannover. Die einzelnen Kapitel sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Immerhin befinden sich einige wirklich Witzige darin (die Titelgeschichte, "Gastronomisches" und "Das süße Nichts"), die zeigen, wie exakt Max Goldt deutsche Befindlichkeiten anhand kleinster Details erfaßt. Glänzend beschreibt er Phänomene, wie übergroße Pfeffermühlen in Restaurants, minderwertiges Essen auf Weihnachtsmärkten oder Smalltalk auf Einladungen. Herrlich komisch fand ich seinen Reisebericht über einen langweiligen arabischen Wüstenstaat und genial das Kapitel "Vom Munzinger-Trash zum Drall nach QQ". Sinnfrei kalauern und blödeln hingegen liegt ihm nicht. "Der Hugo" und "Wir desertieren" sind schlicht mißratene Beiträge, an denen der Fan seitlich vorbeilesen sollte, um den Glauben an die literarischen Fähigkeiten des Autors nicht zu entzaubern. Ganz bitter und garnicht komisch finde ich Goldts Bildungslücke, was die Volkswirtschaftslehre anbelangt. Die Grundlagen der Ökonomie hat er wie alle anderen Schüler seines Jahrgangs in der Schule nicht beigebracht bekommen und sie sich leider auch später nicht angeeignet, was man dem Kapitel "Schulisches" entnehmen kann. Dann hätte er wahrscheinlich auch "Die Verachtung" nicht schreiben müssen. Lieber Max Goldt: Autofahrer bekommen keine Subventionen für Autobahnen im Gegenteil, sie bezahlen sie. Die armen Autofahrer wären schon froh, wenn wenigstens ein Viertel dessen, für die Instandhaltung unseres Straßennetzes ausgegeben würde, wofür sie KFZ-Steuer, Mineralölsteuer und Ökosteuer berappen müssen. Ohne Autoindustrie muß Herr Goldt künftig einen großen Umweg nehmen, um seitlich am wirtschaftlichen Niedergang des Landes vorbeizuschreiben. Er könnte nur noch Glossen über den Niedergang der deutschen Sprache verfassen.
Nichts neues, aber will man neues?
  
Ganz seltsam ging es mir am Anfang des Buches. Driftet der große Stilist Max Goldt in Richtung ironiefreie Edelprosa ab? Vielleicht war es nur das nervende Präteritum im ersten Text, zusammen mit einigen Konjunktiven und dem Wort "innert" statt "innerhalb". Jedenfalls dachte ich: Hm, das Aroma ist irgendwie anders. Finde ich das gut? Dann glitt es langsam wieder in den vertrauten Tonfall, die übliche Feinheit des Geschmacks, vielleicht eine Spur erkaltet, eine Spur reproduziert und nicht mehr so ganz affektfrisch. Finde ich das jetzt besser? Gut, ich fand mich zurecht, habe gelacht und manches Mal tief genickt. Aber das Gefühl, dass es doch irgendwie auch mal anders weiter gehen muss mit Goldts Schreiben - vielleicht nicht unbedingt im Präteritum, bitte nicht -, wurde ich nicht los. Ich fand das mit dem Tagebuch ("Wenn man einen schwarzen Anzug anhat") ja nicht schlecht, warum nicht einmal größere Dimensionen anpeilen? Dass er die Kurzprosa beherrscht wie kaum ein anderer, ist bekannt. Doch er wird den längst verdienten Büchner-Preis nicht erhalten, wenn er größere, weitere Zusammenhänge nicht versucht. Max Goldt, ich glaube an Sie!
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