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 Eine Frau in Berlin, 2 Audio-CDs
von Anonyma und Regina Lemnitz
CD
September 2003
Verlag: Eichborn

Kommentare und Bewertungen: Ergreifendes Zeitdokument
    
Dieses Buch, in dem es um die Erlebnisse einer jungen Frau im Berlin des 20. April bis 22. Juni 1945 geht, ist sozusagen die Umkehrung von "Das Ende" (Joachim Fest) und anderen Büchern, die aus der Distanz der politischen Geschichte die Geschehnisse am Kriegsende schildern. Hier schreibt eine Frau aus dem Volk ein erschütterndes Tagebuch - über das Vorrücken der Russen von Straße zu Straße, während die Nazis immer noch Deserteure ihrer dem Untergang geweihten Armee öffentlich hinrichten, über den Kriegsalltag mit Kellernächten, Bomben und dem Mangel an Alltäglichem wie Wasser- und Gasversorgung, die Plünderungen und zahllosen Vergewaltigungen durch die Rote Armee. Gerade das letzte Thema dokumentiert sie mit einer innerlichen Distanz und Sachlichkeit, die erschreckt und zugleich die Authentizität des Buchs belegt - nichts ist durch Hass und Rachlust verzerrt und überzogen! Gerade dadurch bezieht dieses Buch aber auch seine Faszination, denn wie die Autorin sagt: In den Ruinen waren die Frauen das stärkere Geschlecht. Zu Kriegsende beginnt im allgemeinen Chaos der Hunger. Sex mit Russen gegen Lebensmittel, der Mensch wird dem Menschen zum Wolf und klaut seinem Nachbarn, was ihm selbst von anderen gestohlen wurde. Auf einem Feuer aus Naziliteratur kocht man Brennnesseln mit halbfaulen Kartoffeln. Die grenzenlose Solidarität der Bombennächte löst sich auf. Zukunftsangst regiert, genährt von obskuren politischen Gerüchten. Und doch gibt es die unerschütterliche Hoffnung auf einen Neubeginn, den man zu Ende des Tagebuchs bereits ahnen kann. Ich konnte dieses zugleich entsetzliche und anrührende Buch nicht aus der Hand legen, bis ich es ausgelesen hatte, und kann es jedem nur empfehlen.
Absolut lesenswert
    
Der Titel "Eine Frau in Berlin" sagt schon viel über den Inhalt des Buches aus, aber eben noch nicht alles. Es handelt sich hierbei um eine Frau, die in den letzten Tagen des Krieges in einem teilweise zerbombten Haus in Berlin lebt. Als die Russen einmarschieren, werden viele Frauen "geschändet". Dabei macht es keinen Unterschied, ob sie jung oder alt, dick oder abgemagert sind. Sie alle müssen sich vor einer Vergewaltigung fürchten.Dieses Thema steht im Mittelpunkt des Romans, doch beschreibt die Autorin auch das Leben während des Kriegsendes aus einer anderen Sicht. Sie berichtet über die Lebensmittelknappheit, das tägliche Wasserholen an der verrosteten Pumpe, das Plündern von ehemaligen NS-Büros und das gegenseitige Unterstützen in der Hausgemeinschaft. Dabei achtet sie auch auf die kleinen und unscheinbaren Details und weckt in der älteren Generation Erinnerungen. Meine Mutter wuchs in dieser Zeit auf und konnte deshalb einen besonderen Bezug zu diesem Buch herstellen. Doch auch ich (Anfang 30), die ich diese Zeit nicht erlebt habe, bekomme die Geschichte so plastisch beschrieben, dass ich mich in sie hinein versetzen kann. Vielleicht liegt das an der einfachen und doch scharfsinnigen Schreibweise. Die Autorin schreibt, wie sie auch spricht und nimmt oftmals kein Blatt vor den Mund. Erfrischend anders, doch auch bestürzend direkt. Fazit: Das gebundene Buch ist sehr teuer, aber es lohnt sich, es zu kaufen. Man muss kein Berliner und kein Kriegs"erlebender" sein, um von diesem Buch berührt zu werden.
Ein klares, hartes Urteil einer Betroffenen!
   
Ich habe dieses Buch paradoxerweise gleichzeitig mit Betroffenheit, als auch mit Distanz gelesen, und es fällt mir überhaupt erstmals schwer dieser Chronik hier eine Bewertung zu geben, da ich es nicht an den üblichen Massstäben für meine Bewertungen messen kann. Als tagebuchartiger Roman bekäme es bei mir 3 Sterne, Als Chronik, die verdienten 5 Sterne, deshalb unterm Strich 4 Sterne. Ein Gefühl der Betroffenheit darüber, was diese Frau, die unerkannt bleiben möchte, in den letzten Tagen des Krieges durchgemacht hat und beschreibt. Über das, was auch Millionen anderer Frauen mitgemacht und durchlitten hatten, und über das ich bisher nur wenig gelesen habe. Zuerst das Überleben in den Trümmern Berlins, dann die Rache der Sieger insbesondere durch sexuelle Gewalt und Übergriffe an Frauen, schließlich der Hunger und das verzweifelte Suchen nach Nahrung. So direkt und unverblümt habe ich das bisher noch nie gelesen und es hat mich nicht nur betroffen gemacht, sondern auch schockiert und z.T. angeekelt z.b. wenn beschrieben wird, wie verheerend es für die Frauen war, wenn gerade in der Zeit die Milch versiegt und sonstige Babynahrung nicht zu bekommen war, wenn einem zusammengebrochenen Ackergaul noch bevor er tatsächlich tot ist, aus purem Überlebenskampf das Fleisch von den Rippen geschnitten wird, wenn Frauen sich unter den Eroberern einen Leitwolf suchen, der ihnen die anderen Wölfe vom Hals hält, nach dem Motto: "Augen zu und durch!" oder: " Was mich nicht umbringt, macht mich stärker." Ein Leitwolf, der aber auch hilft zu überleben, indem er Nahrungsmittel beschafft. Das Gefühl, der Frau, sich prostituieren zu müssen, nur damit sie überleben kann.....Wirklich ein harter Tobak! Distanz zu dem Buch habe ich empfunden, weil die Autorin die schlimmsten Erfahrungen, die eine Frau nur machen kann, scheinbar unberührt, schonungslos und kaltblütig beschreibt, jede Vergewaltigung wird mit einen Synonym "VW" registriert. Da, wo mir z.b. beim Lesen des Buches von Martin Doerry über das Leben der Lilly Jahn und deren Briefe aus dem KZ an ihre Kinder die Tränen kamen, stockt mir hier der Atmen und ich bekomme eine Gänsehaut. Trotzdem, oder auch gerade deshalb bringe ich dieser Autorin meinen grössten Respekt entgegen. Sie ist frei von jeglichem Selbstmitleid und ihre "Kaltblütigkeit" nur Selbstschutz, dabei beschreibt sie Realitäten und " unfassbare Ungeheuerlichkeiten" mit einer fast gläsernen Klarheit, illusionslos und weder beschönigend noch übertreibend. Ein wichtiges Dokument, eine Chronik aus einer Zeit, die bisher nur weitgehend aus der Sicht von Männern beschreiben wurde, aber beileibe kein angenehmes Buch bei dem man sich entspannt im Sessel zurücklehnen kann!
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