Hörbuch         Balzac und die kleine chinesische Schneiderin, 5 Audio-CDs


Balzac und die kleine chinesische Schneiderin, 5 Audio-CDs
von Dai Sijie und Edgar M. Böhlke
CD
März 2002
Verlag: Steinbach Sprechende Bücher



Kommentare und Bewertungen:
Spannender Unterhaltungsroman - gut erzählt
Ich fand, es lohnte sich, dies Buch zu kaufen, denn es ist packend und geschrieben und enthält ein Kaleidoskop detailreicher, witzig erzählter Geschichten in leuchtenden Farben. Die Beschreibung der Lebensumstände in Maos China nach der Kulturrevolution sowie der überraschende Schluß der Geschichte bewahren das Werk vor dem Abrutschen in den Kitsch.

Humor durchdringt die Handlung, und den haben die Protagonisten auch bitter nötig, müssen sie doch ihre Jugend in ärmlichen, politisch und kulturell beengten Verhältnissen eines rotchinesischen Bergdorfes in den 70er Jahren verbringen. Die beruflichen und geistigen Entwicklungsmöglichkeiten für die jungen Leute sind beschränkt, der Alltag deprimierend, und sie haben auch kaum Aussicht auf eine bessere Zukunft. Da taucht ein geheimnisvoller Koffer auf, angefüllt mit verbotener klassischer Literatur Frankreichs, und unerwartete Dinge entwickeln sich...

Der Roman ist mitreißend und bilderreich, er ist geschrieben wie ein gutes Drehbuch, und wurde daher schon verfilmt. Ganz große Weltliteratur ist er jedoch nicht, auch wenn jede Menge Weltliteratur darin vorkommt. Aber er bietet immerhin gut gemachte Unterhaltung, und ich empfehle das Buch auch als nettes Geschenk für die beste Freundin.


kleine, feine Geschichte
Anfang der 70er Jahre werden die zwei Protagonisten, Lou und der Ich-Erzähler, in ein Bergdorf zur kulturellen Umerziehung geschichkt. Da ihre Eltern politisch verfolgt wurden, stehen ihnen nicht nur die üblichen zwei Jahre bevor, sondern -wenn nicht irgend ein Wunder passiert- ein Leben in dem Dorf.

Der Ich-Erzähler erzählt seine Geschichte in vielen kleinen Kapiteln ohne große Ereignisse. Aber so schön geschrieben, dass man mit den beiden mitfühlt. Dass man wissen möchte, was am Ende mit der kleinen Schneiderin passiert, in die die beiden jungen Männer verliebt sind. Ob die zwei es schaffen, sich an das Dorfleben zu gewöhnen oder doch zurück in die Stadt kommen. Und alles verbunden mit diesem geheimnisvollen Koffer voller Bücher mit westlicher Literatur. So verboten und so interessant.
Beim Lesen kommt man wirklich ans Überlegen, dass Bücher unser Denken verändern können und wie schrecklich stelle ich mir diese Zeit vor, in der es nur ein paar wissenschaftliche Abhandlungen gab. Wie sehr konnte ich die zwei verstehen, dass sie alles dafür taten, an diese Bücher zu gelangen.

Ein kleines Buch, aber voller Gefühl und ein wenig traurig ist man auch, dass es so schnell zu Ende war!


Eine andere Wirklichkeit ...
Dai Sijies Roman mutet an wie eine Reise in eine andere Welt. Angesiedelt in einem chinesischen Bergdorf der 70er Jahre, hat man eher das Gefühl, sich im finsteren Mittelalter oder einer bedrückend phantastischen Parallelwelt zu befinden. Für uns westliche Leser ist das Szenario dieser kargen, aber realen Welt unter Mao, in der die Dorfbewohner nicht nur ohne Strom, fließendes Wasser u. a. uns selbstverstänliche Dinge leben, noch nie von einer Violine gehört haben, das Kino in der fernen Stadt wie ein Mysterium aus einer anderen Welt bestaunen, sondern sich darüber hinaus neben der maoistischen Lehre tiefstem Aberglauben hingeben und sich beispielsweise ihre Wehwehchen von den Dorfhexen behandeln lassen, eine Welt, die unserem Verständnis vollkommen fremd ist. Trotzdem erleben wir den Protagonisten als einen Menschen wie dich und mich, bewundern ihn für seine Gelassenheit, mit der er schier Unerträglichem sogar noch einen gewissen Humor abgewinnt.

Die Liebesgeschichte zwischen dem Freund des Protagonisten - seinem Leidensbruder in der aufgezwungenen politischen Umerziehung - und der kleinen Dorfschneiderin nimmt dabei nicht, wie man vielleicht denken mag, den Schwerpunkt des Buches ein. Es ist vielmehr eine Liebeserklärung zum einen an die Literatur, die hier zum großen Schatz des Protagonisten und seines Freundes wird, vor allem aber an das Leben, dem man, mit der richtigen Einstellung, selbst unter schwierigsten Bedingungen noch einen Zauber abgewinnen kann.

Ich habe das Buch mit Genuss gelesen, allein das Ende empfand ich als etwas abrupt und unbefriedigend, was aber sicherlich subjektiv ist. In jedem Fall ein Buch, das sich zu lesen lohnt.


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