Der Besuch des Leibarztes, 2 Audio-CDs


Der Besuch des Leibarztes, 2 Audio-CDs
von Per O. Enquist, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, Jutta Hoffmann, Walter Adler und Valerie Stiegele
CD
August 2002
Verlag: Dhv der Hörverlag



Kommentare und Bewertungen:
Bedrückend
Der deutsche Arzt und "Aufklärer" Struensee wird an den dänischen Königshof beordert, um dem vermeintlich geisteskranken König Christian zur Seite zu stehen. Dieser entwickelt sehr schnell ein enges Verhältnis zu seinem Leibarzt, was Struensee die Möglichkeit gibt, seine fortschrittlichen humanen Ideen in die Praxis umzusetzen. In dem Intrigenspiel um die Macht am Hof geht dies nicht lange gut und Struensee zieht sich die Feindschaft einiger Männer zu, die ihn schließlich sein Leben kosten wird.

Absolut erschreckend ist es, wie der Drang nach Macht und Geld Menschen innerlich völlig vergiftet und wozu diese Menschen imstande sind, um ihre Position nicht abgeben zu müssen. Im Buch stellt sich schnell heraus, daß der König bei weitem nicht geisteskrank ist, sondern schon in seiner Kindheit durch Schläge, Folterungen, Erniedrigungen gezielt seelisch zerstört wurde, damit er nicht in der Lage sein wird, das Land regieren zu können und damit die Macht in Händen seiner "Wohltäter" bleiben wird. Das ist für mich das Schlimmste an dem Buch. Ein völlig normales Kind fällt "den Wölfen" zu, um systematisch zerstört zu werden. Ich finde das schwer erträglich.

Trotzdem ist das Buch sehr lesenswert, da es äußerst spannend geschrieben ist und einen sonst weniger beachteten Teil der Geschichte näher bringt. Auch der Erzählstil aus Sicht eines scheinbar unbeteiligten Dritten liest sich sehr gut.

Ein Buch, das den Leser gefühlsmäßig sehr stark anspricht.


Bewegend und Essentiell - Literatur von höchstem Rang
Per Olov Enquist beschreibt die Ereignisse in zwei Jahren der Revolution in dem kleinen niedergehenden Königreich Dänemark am Ende des 18. Jahrhunderts. Enquist interessiert sich mit tiefer Empathie für die Menschen, die Abläufe und Prozesse, wie sie „ticken" und zueinander stehen. Königin Caroline Mathilde, schön, romantisch und eigensinnig, Tochter des englischen Königs, die Einheirat in das dänische Königshaus geschieht aus politischem Kalkül - Struensee, ein deutscher Arzt, intelligenter Aufklärer mit „schwieriger", rätselhafter Persönlichkeit, der ihr Geliebter wird - Der geistig gestörte König Christian, der eine erstaunliche seherische Gabe und Sensibilität hat, aber die meiste Zeit verwirrt und mit sich selbst beschäftigt lebt - der mächtige Gegenspieler Guldberg, intelligent, doch hässlich, unbeliebt und, sein besonderes Problem, impotent.

Struensee tritt in die Geschichte Dänemarks, indem er als Vormund des Königs Christian bestellt wird. Er beginnt die offene politische Chance zu ergreifen, die Regierungsgeschäfte auch inhaltlich selbst zu gestalten - Zug um Zug entsteht sein Masterplan demokratischer Reformen in Dänemark. Er verliebt sich in die Königin Caroline und sie haben ein Kind, geduldet, wenn nicht beinahe gewünscht von König Christian, der doch vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. Christian mag Struensee und beginnt, beide fast als Eltern zu sehen - seine Mutter reagiert auf ihn allenfalls kalt, wenn nicht ablehnend. Einer der vielen bewegenden Passagen in diesem Buch, die Einordnung von Christians psychischen Problemen.

Doch der revolutionäre Umschwung, von Regierungsseite verordnet, scheitert. Struensee bezieht zum einen die Bevölkerung in keiner Weise ein, ferner gibt er sich distanziert gegenüber den Mitteln der Machtausübung und ignoriert das bestehende Machtgefüge. Endgültig scheitert er daran, die tief verwurzelten Verhaltens- und Glaubensgrundsätze seiner Zeit durch den Ehebruch mit der Königin und dem unehelichen Kind verletzt zu haben. Doch schlussendlich deuten auch seine Gegner die Stimmung nicht richtig, der Wunsch nach demokratischen Reformen ist nicht mehr aufzuhalten, auch wenn Struensee und einer seiner Gehilfen hingerichtet werden. Ganz Europa folgt bewegt, erstaunt und interessiert den demokratischen Entwicklungen in Dänemark und dem Schicksal seiner Akteure.

Enquist stellt Fragen, die genauso nicht in Geschichtsbüchern beantwortet werden können. Vorsichtig und tastend die Beobachtungen prüfend und wiederholend umkreist er die Ereignisse und die Akteure -es entstehen emotional packenden Momente, tiefgehende Porträts von Menschen, intellektuell fordernde Passagen, spannendes darüber, wie Politik funktioniert, wie Machtgefüge funktionieren. Er wird dem spannenden Stoff in einer skeptischen und fragenden Betrachtungsweise gerecht und findet einen genuin literarischen Ton.

Einfach eines der besten Bücher, dass ich je gelesen habe.


Krankes Dänemark
Es ist ein schwächliches und kränkelndes Dänemark, dem der Hamburger Arzt Johann Friedrich Struensee in den Jahren 1768 bis zu seinem Tod 1772 seinen Besuch abstattet. Der junge König Christian VII., labil und geistesschwach, ernennt seinen Riesenschnauzer Vitrius zum Kabinettsmitglied und widmet seine Aufmerksamkeit ausschließlich den Spielen mit seinem Negerpagen Moranti sowie einer gewissen Stiefel-Kathrine aus der Kopenhagener Halbwelt. Schnell steigt Struensee zum Leibarzt und Vertrauten des geistenkranken Monarchen auf und übt ab 1770 die politische Macht im Königreich aus. Mit über 2000 Dekreten und Anordnungen versucht er vom Schreibtisch aus, den dänischen Feudalismus durch Minderung der Leibeigenschaft und Aufhebung der Vorrechte des Adels zu brechen. Doch gerade die Bauern, deren Lebensbedingungen er mit seinen Reformen verbessern will, stoßen sich an seinem Verhältnis zu der blutjungen Königin Carolin Mathilde und schaffen so die Voraussetzungen für die reaktionären Kräfte am Hof, die dem Deutschen schließlich zum Verhängnis werden.
Die Auseinandersetzung des schwedischen Romanciers Per Olov Enquist mit einer der interessantesten Perioden des dänischen Absolutismus ist ein dokumentarischer Roman, mit dem der renommierte Autor sogar die Gnade des großen Quartettspieleres Marcel Reich-Ranicki fand. Eng an historische Quellen angelehnt, greift Enquist eine breite Themenpalette wie kindliches Königtum und den Wahnsinn der Alleinherrschaft auf, aus der das Paradoxon herausragt, dass Struensee nicht über politische Fragen, sondern über seine gänzlich unpolitische Liebe zur Königin stürzt, was die Frage aufwirft, ob die Liebe zu einer Königin nicht immer auch ein Stück Politik war und noch ist oder wenigstens dazu gemacht wird. Doch Enquist behält aufgrund seiner erzählerischen Fähigkeiten stets den Überblick über seine Themen und führt den Roman souverän zu Ende. "Schade, dass er kein Däne ist" meinten einige der führenden Literaturkritiker im kleinen Königreich, was angesichts der gewissenhaft gepflegten Animositäten gegenüber dem alten Erbfeind von der anderen Seite des Oeresundes wohl der deutlichste Hinweis auf die Qualität des Buches darstellt.


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