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 Christiane und Goethe, 4 Cassetten
von Sigrid Damm, Eva Mattes und Petra Meyenburg
Hörkassette
Januar 2000
Verlag: HÖR Verlag

Beschreibung: Es ist für den ehrwürdigen Dichterfürsten aus Weimar wenig schmeichelhaft, was die Autorin Sigrid Damm bei ihren Recherchen über seine Ehe mit Christiane Vulpius zu Tage gefördert hat. In der Literatur wurde Christiane häufig als seine Mätresse oder ein schönes Stück Fleisch beschrieben. "Gründlich ungebildet", sagte Thomas Mann über sie, für Schiller, der sie zeitlebens ignorierte, war sie "ein rundes Nichts". Wer war diese Frau, die, bevor sie Goethe im Juli 1788 erstmals traf, mit ihrer Tätigkeit in einer Blumenwerkstatt ihre Familie versorgte, da der Vater arbeitslos war, die Stiefmutter sterbenskrank im Bett lag und der Bruder das Gymnasium besuchte? Ganz sicher kein weltfremdes Dummchen, denn sie hat entgegen dem Hofklatsch in Weimar das Wagnis auf sich genommen, ihre große Liebe zu leben, Goethes Sohn August zunächst ohne die Sicherheit einer standesgemäßen Ehe zur Welt zu bringen und großzuziehen. Christiane führte an der Seite Goethes kein intellektuelles, durchgeistigtes Leben (es ist fraglich, ob sie je eine Zeile seiner Werke gelesen hat), denn sie hatte die Haushalte in Jena und Weimar zu versorgen, seine zahlreichen Gäste zu bewirten und ihm den Rücken für sein Schaffen freizuhalten. Sehr schäbig wird Goethes Verhalten, als sie 1815 erkrankt. Für ihn ist jede Krankheit eine Arbeitsstörung, die sein ästhetisches Empfinden verletzt. Als sie stirbt, lässt er sie mit furchtbaren Krämpfen und Schmerzen allein. Eine wenig bekannte Seite des Verfassers der schönen Gedichtzeile: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut". Die Hörbuchversion wird gelesen von Eva Mattes, renommierte Film- und Theaterschauspielerin; Regie führte Petra Meyenburg. Eva Mattes gibt mit ihrer einfühlsamen Lesung, die von Musik untermalt wird, dieser lange missverstandenen Frau die Stimme zurück. Lesung mit Musik in zwei Teilen. Insgesamt vier Kassetten, Spieldauer: ca. 360 Minuten. --Manuela Haselberger und Alexandra Plath
Kommentare und Bewertungen: Christiane als Emanzipierte neben dem Verdrängungskünstler
    
Goethe und Christiane Vulpius - das Ungleiche an ihrer Beziehung ist immer wieder benannt worden, meist mit dem deutlich moralisch abwertenden Beigeschmack gegenüber Christiane. Und Sigrid Damm zitiert auch all die Vorurteile der Nachwelt und Mitwelt, vorab aus Weimar: "Mätresse und Hure, Goethes Kreatürchen, seine Füchsin, sein Mensch, seine dicke Hälfte." Das Buch ist dann ein langer und ausführlicher Beleg dafür, wie ungerecht diese Urteile sind. Dabei erfährt man eine Menge über das Leben in Weimar und Frankfurt, die beiden großen Zentren im Leben der Protagonisten. Sigrid Damm erschließt eine Fülle neuer Quellen, hinterfragt bisher unerschütterte Behauptungen und lässt selbst jemanden, der den Weimarer Musenhof nicht wie selbstverständlich kennt, die wichtigen Schauplätze in Christianes und Goethes Leben mit viel Gewinn besuchen. Goethe selbst wird dabei als großer Verdrängungskünstler erkennbar, der all die Dinge, die Christianes Leben, aber auch das vieler seiner Zeitgenossen, schwierig und mühsam gemacht hat, mit Routine und moralischer Gedankenlosigkeit einfach ausblendet. Man wird all das Erhabene an Goethe, aber auch seine scheinbare Modernität in seiner Hochachtung für Napoleon nicht mehr so selbstverständlich abnehmen, wenn man erfahren hat, wie stark das alles auf Kosten seiner Umgebung - und vorab auf Christianes Kosten, geschehen ist. Bei aller bedrückenden Abhängigkeit erscheint Christiane über weite Strecken als die wahrhaftig Emanzipierte, die dann allerdings, geplagt von den alltäglichen Beschwernissen und ihrer Krankheit und bei ihrer Bereitschaft zu einem Engagement, das offensichtlich ihre Kräfte übersteigt, schon in mittlerem Alter stirbt. Ohne akademisches Brimborium, ein gut lesbares, fesselnde, oft zornig machendes Buch. Sehr zu empfehlen!
Lebendige Alltagsgeschichte des 18./19. Jahrhunderts
    
Es passiert nicht sehr oft, dass ein Buch mich so fesselt, dass ich es kaum aus der Hand legen mag und fast traurig bin, dass ich es zuende gelesen habe. Das legt an mehreren Faktoren: Es gelngt Sigrid Damm, trotz der Fülle von Zitaten, oft in einer uns nicht mehr leicht zugänglichen Sprache, die Alltagswelt zur Zeit Goethes in Weimar lebendig werden zu lassen. Umgekehrt sind es sicher diese vielen Dokumente im O-Ton, die die Anschaulichkeit bewirken. Damm geht chronologisch vor, trägt zusammen, was über das Leben der Christiane Vulpius in Erfahrung zu bringen ist, bevor sie Goethe trifft, wie es ihr in den ersten Jahren mit Goethe ergeht. Sie führt vor, welche Dimensionen diese Beziehung ohne Trauschein - für uns fast Normalität - im absolutistischen Weimar hat und lässt den Leser erahnen, unter welchem gesllschaftlichen Druck vor allem Christiane gestanden haben muss. Damm sucht nach Erkärungen, warum Goethe nach 17 Jahren, 1806, seine Beziehung zu seinem "Haus- und Bettschatz" Christiane durch die Heirat legalisiert. Hier und in vielen anderen Fällen räumt sie mit alten Legenden auf,z.B. Goethe habe sie geheiratet, weil sie ihm das Leben gerettet habe. Überhaupt kommt Goethe ziemlich schlecht weg, wir würden ihn heute sicher als "Macho" bezeichnen. So empfiehlt er Christiane, wenn sie schon lesen wolle, dann am besten das Kochbuch. Auch seine Vaterrolle wird kritisch beleuchtet: Er läßt seinem Sohn August kaum Freiraum, da er selbst glühender Napoleonanhänger ist, muss August in Heidelberg den Code Civil Napoleons studieren, darf August nicht als Freiwilliger gegen Napoleon kämpfen. Erst als Napoleons Untergang besiegelt ist, schenkt er seinem Sohn den von Napoleon erworbenen Orden, um sich selbst um einen Orden vom österreichischen Kaiser zu bemühen.Goethe als Opportunist. Wer sich für Alltagsgeschichte interessiert, zudem wissen will, welche Rolle vor allem Frauen gespielt haben, welche Ungerechtigkeiten vor allem die Ständegesllschft mit sich brachte, und wer sein Wissen über Goethe erweitern will, sollte dieses Buch unbedingt lesen.
Fesselnd und lehrreich
    
Auch wenn die anfängliche Aufzählung der Familienhistorie sich ein bißchen trocken anlässt, ist dies ein Buch, das man kaum noch aus der Hand legen möchte, sobald man sich erst einmal warmgelesen hat. Neben den detaillierten Informationen, die man über Goethe und Christiane erhält, ist die Schilderung der damaligen Lebensumstände faszinierend und zum Teil erschütternd. Die Autorin hat offenbar äußerst gründlich recherchiert und man hat mit diesem Buch den Eindruck, Goethe, Christiane und der Zeit der Weimarer Klassik ein großes Stück näher gekommen zu sein. Aber auch, wer "nur" auf der Suche nach spannender Unterhaltung ist, ist mit diesem Buch gut beraten.
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