Hörbuch         Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, 1 Audio-CD


Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, 1 Audio-CD
von Martin Walser
Sondereinband
Oktober 2002
Verlag: Edition Isele



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Konstruktive Vergangenheitsbewältigung
Eigentlich ist es schade, daß die Rede damals so mißverstanden wurde. Hätte man Herrn Walser eine Chance gegeben, wäre vielleicht ein ganz anderer Dialog entstanden, der nicht zuletzt auch der jungen Generation zu Gute gekommen wäre. In dieser Rede findet sich weder rechtes Gedankengut noch Antisemitismus, sie ist vielmehr der Aufruf zu einem unvoreingenommeneren Umgang mit der Vergangenheit. Es geht hier wirklich nicht darum, etwas vergessen zu wollen, die Erinnerung auszulöschen, im Gegenteil, hätte diese Rede vor zweieinhalb Jahren die Diskussion zur Folge gehabt, die Walser provozieren wollte, wären wir heute erheblich weiter mit unserer Vergangenheitsbewältigung und müßten uns nicht jeden Tag aufs neue in Frage stellen.


Längst überfällige Auseinandersetzung
Wer in dieser Rede Antisemitismus sieht, hat sie entweder nicht gehört bzw. gelesen oder wollte sei absichtlich mißverstehen. Die Reaktionen auf die Rede haben mal wieder gründlich bewiesen wie wenig wir uns mir unserer Vergangenheit auseinandersetzen können, ohne Menschen sofort in Schubladen zu stecken. In der ganzen Rede ist nicht mal ein einziges Wort, das den Vorwurf des Antisemitismus rechtfertigen würde. Im Gegenteil, die Rede scheint mir eher ein Aufruf zu sein, endlich aus der Verlogenheit der Selbstverleugnung aufzuwachen, um wenigstens einer jüngeren Generation eine Chance zu geben, sich der Vergangenheit zu stellen und mit ihr zu leben, ohne sich jeden Tag selbst in Frage stellen zu müssen.


Walser als Wortführer?
Über Walsers Rang als Autor möchte ich nicht viele Worte verlieren - es gibt sicher interessantere als ihn. Wirklich interessant ist aber, daß derselbe Autor, der zu Elie Wiesels Roman „Nacht" einmal das Vorwort schrieb, jetzt von Ende und Tod jüdischer Kritik phantasiert - rein fiktiv, versteht sich. Der Chor derer, die sich mit ihm, dem armen Opfer der jähen Antikritik, solidarisieren, singt einen bekannten Refrain: „Schluß mit der deutschen Demut", „Ende mit Selbstvorwürfen", "Unvoreingenommenheit", „Wir sind wieder wer!" (Wer ist "wir" und was ist "wer"?) Selbst wenn Walser nicht vorzuwerfen wäre, was ihm vorgeworfen wird, trägt er seit seiner Frankfurter Rede das freiwillige Risiko, diesem Chor als Wortführer und Stichwortgeber zu dienen. „O Freunde, nicht diese Töne!"


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Martin Walser

 


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