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 Aufarbeitung der Vergangenheit. Reden und Gespräche, 5 CD-Audio
von Theodor W. Adorno und Rolf Tiedemann
CD
September 1999
Verlag: Der HÖR Verlag DHV

Beschreibung: Eine schöne Idee des Hör-Verlages, uns den Philosophen Theodor W. Adorno, auch TWA genannt, auf diese Art näher zu bringen. Mehrere Radioproduktionen aus den Jahren 1955-1969, die Adorno in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk erstellt hatte, sind hier zusammengefasst. Und -- der Meister liest selbst, was, nebenbei bemerkt, stellenweise nicht unkomisch abgeht, denn ein großer Rhetoriker ist er wahrhaftig nicht. Der Authentizität der überaus sperrigen Texte tut das natürlich keinen Abbruch, im Gegenteil. Adorno hat den Bann durchbrochen, der in einer zur Reproduktion ihrer eigenen Unwahrheit verdammten Gesellschaft die Freiheit des Geistes gefesselt hält. Er hat das Wahnsystem, das sich als Realität ausgibt, beim Namen genannt und sich nicht abbringen lassen von dem "machtlosen Versuch des Gedankens, seiner selbst mächtig zu bleiben" (Georg Picht). Die für die traditionelle Philosophie irrelevante Frage nach den Möglichkeiten wahrhaft menschlicher Zustände war Zentrum seines Denkens. Die Unmöglichkeit einer verbindlichen Antwort war seiner Philosophie gemäß eins mit der prinzipiellen Unmöglichkeit von Philosophie nach Auschwitz. Zum Inhalt der fünf CDs: "Aufarbeitung der Vergangenheit"(1960): Angesichts der heutigen hysterischen und streckenweise unangemessenen Holocaust-Debatten, zeigt dieser Vortrag, welches Niveau bezüglich dieses sensiblen Themas möglich war. "Bemerkungen zu Hegel" (1956): Wird dem, der Hegel nicht kennt, einen gehörigen Schrecken vor und Respekt für sowohl Hegel als auch Adorno verschaffen. "Jargon der Eigentlichkeit "(1963): Gegen Heidegger und die Heideggerianer. Eine eifernde Polemik, die bis heute in Fachkreisen sehr kontrovers diskutiert wird. "Das Altern der Neuen Musik"(1955): Der hegelianische Musik-Ästhetiker Adorno unter Volldampf. "Zur Grundfrage der Gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur" (1968): Historisch in jedem Fall bemerkenswert. Allen Marxisten, ob Neo-, Alt- oder Post-, ans Herz gelegt. "Erziehung zur Mündigkeit" (1969, Gespräch mit dem Erziehungswissenschaftler Hellmut Becker): Pflichtlektion für alle Gesamtschulfanatiker und sonstige Gleichheitsschwärmer. Da es sich hier durchweg um intellektuelles Schwarzbrot der komprimiertesten Art handelt, wird man diese Vorträge wohl über Jahre hinweg immer wieder mit Gewinn anhören können und die eigene Intellektualität schärfen, auch und gerade in Auseinandersetzung mit Argumenten, an denen die Zeit nicht schadlos vorüber gegangen ist. --Dietrich Clausen
Kommentare und Bewertungen: eine neue dimension des mit-erlebens ...
    
wer adorno bisher nur gelesen hat, dem erschließt sich durchaus eine neue dimension des verstehens: geschwindigkeit des denkens, der dialektischen reaktion, der spöttischen präsenz - all dies ist über das ohr noch authentischer erfahrbar als über das niedergeschriebene. zum beispiel auf der CD 5, abschnitt 3 (der schnelleren auffindbarkeit wurden die CDs in 5 minuten sektoren unterteilt): dort will adorno im gespräch mit dem bildungswissenschaftler hellmut becker zeigen, welchem muff uns die offizielle pädagogische literatur immer noch auszusetzen wagt. zitierend aus dem erfolgs-bändchen eines herrn lichtenstein mit dem titel "erziehung, autorität, verantwortung - reflexion zu einer pädagogischen ethik" erregt sich adorno über die neo-konservative passage: "bedrängt uns nicht gerade die wirklichkeit eines ungeheuren und rapiden verfalls des sinns von autorität, des glaubens an gültige ordnung..." - bremst sich sodann ab mit: "ich möchte mich bei den phrasen, mit denen herr lichtenstein hier aufwartet gar nicht aufhalten" - kann sich aber im weiteren doch nicht davon abhalten, den frömmelnden satz zu zitieren: "diese voraussetzung des autonomen menschen IST DEM CHRISTEN UNVOLLZIEHBAR." adorno fällt sich selbst ins wort mit: "NUN, KANT WAR JA WOHL EIN CHRIST", wettert dann über eine "denunziation des denkens", die hier bundesrepublikanische lehrer-ausbildung sich erlaube - und wünscht sich, es gelänge, "endlich einmal in diesen muff einige funken zu bringen, der ihn möglicherweise doch explodieren lässt". als hellmut becker abbremsend interveniert mit: "ich weiß nicht genau, ob MUFF explodieren kann", unterlegt adorno das betuliche beruhigungs-statement mit einem weiter-querulierenden "ich glaube chemisch ist das möglich, ob es gesellschaftlich möglich ist, weiß ich nicht!" - dieser O-ton wurde am 16. juli 1969 vom hessischen rundfunk aufgenommen - im august verstarb der philosoph - näher und intensiver dran geht also nicht...
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